Abschied lernen

Der Tod, das Sterben ist in dieser Zeit auf eine seltsame Weise gegenwärtig. Möglichst viele Menschen am Leben zu erhalten, scheint das Gebot der Stunde zu sein. In dieser Leitidee manifestiert sich der Umgang unserer Gesellschaft mit Vergänglichkeit. Wir sind behördlich dazu angehalten, alles daran zu setzen, dass möglichst wenige sterben, dass das Gesundheitswesen nicht überlastet wird. Mit welcher Art von «Wesen» haben wir es hier eigentlich zu tun?

Die Toten erscheinen als Zahl in einem Ticker am Bildschirm, in einer Tabelle – abstrakt, numerisch. Die Tabellen stehen im Vergleich, im interkantonal-schweizerischen und im internationalen. Ein länderübergreifender Wettlauf sozusagen, dessen Antrieb es ist, der Vergänglichkeit entgegenzuwirken. Gewinnerin ist jene Nation, die am wenigsten Todesfälle verzeichnet. Einige Nationen starten mit zeitlicher Verzögerung, holen danach aber rasch auf, wie wir inzwischen aufgrund der exponentiellen Wachstumsmodellen wissen. Ich möchte nicht zynisch klingen – finde diese Form von vergleichender Darstellung einfach sehr absurd. Wir schaffen es, ein entgrenztes Phänomen wie Corona in Bezüge zu fassen, die angesichts seiner Beschaffenheit hilflos begrenzt wirken. Wir ordnen etwas uns Unbekanntes in eine Logik ein, die wir kennen und nicht zu hinterfragen scheinen. Die Logik des Höher, Schneller, Weiter, der Messbarkeit, der Wachstumslinie.

Ich habe aufgehört fern zu sehen und lese kaum noch Zeitung. Ich finde es schwer erträglich, mir diese «Krise» in exponentiell wachsenden Linien vergegenwärtigen zu lassen. Die Tabellen haben mich seltsam unberührt und ob dieser Unberührtheit beschämt und ohnmächtig vor meinem Bildschirm zurückgelassen. In meinen Tag- und Nachtträumen tauchen andere Menschen auf, die in ihren Wohnungen sitzen, isoliert in den Beziehungen zu ihren Bildschirmen, die Bericht erstatten in dieser Form. Wohin gehen sie mit ihrer Verwirrung, Angst, Trauer, Scham und auch mit ihrer Freude, die völlig unpassend erscheint, frage ich mich. Wie gelingt es ihnen, Abschied zu nehmen von den Menschen, die als Zahlen in den Statistiken auftauchen?

Anstatt den Todesticker zu konsumieren, beschäftigt mich die Frage, welchen Stellenwert der Abschied in unserer Gesellschaft hat. Mir scheint, dass die Fähigkeit, sich zu verabschieden, gerade jetzt an Bedeutung gewinnt. Wie würde eine Gesellschaft aussehen, die darin geübt ist, Abschied zu nehmen, die von der Weisheit durchwirkt ist, dass zum Werden auch Vergehen gehört. In einer von Wachstumslogik dominierten Zeitgeist scheint diese Wahrnehmungsweise besonders schwierig. So stellen wir selbst das Vergängliche, das Vergehende wachstumslogisch dar, so wie wir es eben gewohnt sind. Und diese Darstellungsweise wirkt auf mich seltsam abstrakt, distanziert und unnatürlich.

Vielleicht ist es an der Zeit, uns in anderen Bezügen zurechtzufinden – in sowohl als auch, statt entweder oder. Leben und Sterben anstatt Leben statt Sterben. Werden und Vergehen statt nur Werden, Werden, Werden. Vielleicht können wir uns dem Verlust zuwenden und mit ihm eine versöhnlichere Form von Beziehung finden – ihn und seine Facetten kennenlernen, uns darin üben, Abschied zu nehmen, zu akzeptieren, dass das Vergehen zum Werden gehört, dass es unausweichlich damit verbunden ist. Ich wünsche mir, dass der Tod weder tabuisiert noch abstrahiert wird, sondern dass er einen selbstverständlichen Platz in unserer Gesellschaft einnimmt, genauso wie er ihn im natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen hat. Vielleicht ist es an der Zeit, der Vergänglichkeit und ihren Facetten mehr Zuwendung zu schenken.