Alpenschwein 1

Das Schwein wurde in vielen Gebieten der Erde unabhängig voneinander domestiziert, ein erstes Mal vor 9000 Jahren in Vorderasien. Früher hatte man angenommen, dass das Urschwein aus dem asiatischen Raum stammt. Neuerdings konnte aber nachgewiesen werden, dass Schweine auch in Zentraleuropa aus den hier existierenden Wildschweinen domestiziert wurden. Schweine sind Allesfresser und man kann gut annehmen, dass die Haustierwerdung fast von selbst geschah, weil sich Wildschweine gerne in der Nähe der menschlichen Siedlungen aufhielten, wo sie im deren Abfall Nahrung fanden. Was das Wildschwein zum Schwein macht, ist lediglich die Haltung im Eingezäunten oder im Stall. Asterix und Obelix holten sich für ihre Festessen die Schweine immer gleich im angrenzenden Wald. Der Unterschied ist klein und Hausschweine können leicht auch wieder verwildern.

Das ist wie bei den Menschen. Die Domestikation der Sammler-Jäger-Sapiens erfolgte dadurch, dass sie sich in Folge des Bevölkerungswachstums erst freiwillig - später dann auch oft erzwungen, in engeren Räumen zusammenpferchten. Und so fand im Laufe der Zeit bei beiden, den Menschen und den Schweinen, ein Wandel von einem Wesen „der ersten Natur“ zu einem der „zweiten Natur“ statt. Als Naturwesen ist es intelligent, reinlich und sozial. Das Weibchen bildet mit ihren Frischlingen eine Sammler-Jäger Gruppe von bis zu 20 Individuen und ist sehr fürsorglich, wachsam und behutsam im Umgang mit ihrem Nachwuchs. Die Männer bilden eigene Gruppen und nehmen erst nach zwei Jahren an der Fortpflanzung teil und werden ab dieser Zeit Einzelgänger.

Während das Schwein der ersten Natur die Erkundung über alles liebt, muss das Schwein der zweiten Natur in der reizarmen Umgebung heutiger Schweineställe verbringen, wo sie degenerieren und es zu Ersatzhandlungen kommt und ihr natürliches Erkundungsverhalten sich gegen die eigenen Artgenossen wendet. Da diesem armen Schwein das Ausleben der natürlichen Nestsuche für die Kleinen durch die extreme Einschränkung im Stall nicht erlaubt wird, entwickelt es in dieser Zeit eine Unruhe, die sogar dazu führen kann, dass der Nachwuchs erdrückt wird. Ein Naturschwein beschmutzt ihr Nest nicht, das geschieht nur in der heutigen industriellen Tierhaltung, wo artgerechtes Verhalten nicht mehr möglich ist. In der Massentierhaltung werden die Tiere gezwungen, dort zu Koten und zu Harnen wo sie – und ihr Nachwuchs – stehen. Es kann beobachtet werden, dass dies nur widerwillig geschieht. Das Suhlen, das ursprünglich der Reinlichkeit und der Regulation der Körpertemperatur galt, wurde zum Suhlen im eigenen Unrat. Zu allem Überdruss wird diesem sensiblen Wesen die Schuld an dem schweinischen Dasein noch in die Schuhe geschoben; so unmenschlich sind die Menschen. 

Das Schwein genoss in den antiken griechischen und römischen Kulturen ein hohes Ansehen und wurde als Opfertier verwendet. Im Nahen Osten galt es aber zunehmend als unrein und kam als Tempelopfer nicht in Frage, weil die klimatischen Bedingungen in jenen Gebieten eine Schweinehaltung der ersten Natur nicht möglich machten. Dazu kam, dass das Schwein wegen seiner Eigenart als Allesfresser, verbunden mit den ortsüblichen Begräbnissitten (nur in Leichentüchern und ohne Sarg) als Leichenfresser in Verruf kam, so dass Menschen, die Schweinefleisch assen, sich des indirekten Kannibalismus schuldig machen konnten. Diese Speisegesetze hatten zur Folge, dass für etwa ein Viertel der Weltbevölkerung der Verzehr von Schweinefleisch religiös untersagt ist. Auch im Westen wenden sich viele vom Verzehr von Schweinefleisch der zweiten Natur ab, während es für andere, weil es billig ist, ein wichtiges Nahrungsmittel bleibt.