Baumgespräche

Ich frag mich (eigennützig), ob wir aus dieser Nummer je wieder rauskommen.
Ich hab heute bei der kleinen Gassirunde mit meinem Hund einen der hausnahen Bäume, die mich seit einigen Jahren in all meinen Aufs und Abs begleiten, gefragt: „Was meinst du, kommen wir da wieder raus?“
Wenn ich meine Hand auf den Baum lege, auch nur ganz lose, spricht er sehr gerne mit mir (vermutlich mit jedem anderen auch, fühle mich da nicht besonders privilegiert). „Ihr macht jetzt das durch, was wir schon lange durchmachen. Ich nicht, hier in dieser Stadt ist alles noch sehr erträglich, aber wir gehören zusammen. Meine Freunde auf der ganzen Welt zerstreut (ich bekam dabei das Bild der brennenden Bäume in Australien Anfang des Jahres...), atmen schon lange nicht mehr gut.“ Stille. Was soll man da sagen. Einfach still sein. In mir das Gefühl, sh.... wir kommen da nicht mehr raus, wenn es wirklich darum geht.

Gleichzeitig bin ich eine, der es gelungen ist, Hoffnungen und Illusionen nie vollständig zu Grabe zu tragen. Ich blicke auf viele Lebenszeiten zurück, in denen ich friedhofsnah vegetierte (sinngemäß), aber so richtig verabschieden konnte ich das letzte Fünkchen Hoffnung nur selten. Also hab ich den Baumfreund doch noch eine Frage gestellt. “Verstehe. Und trotzdem. Können wir was tun? Haben wir noch eine Chance?“. Zu meiner Überraschung antwortete er wie aus der Pistole geschossen: “ Klar, ihr müsst nur - die ganze Welt müsste es - alles reduzieren, Flüge, Verkehr, Industrie, also alles, was uns die Luft nimmt. Ihr müsst nicht so weiter leben wie jetzt gerade (während er sprach, sah ich die Bilder, die leeren Strassen, den freien Himmel...), aber sehr wohl ernsthaft reduzieren. Es geht hier nicht darum, eine Zeit so weiter zumachen wie früher und Pläne schmieden, wie ihr es reduzieren könnt. Es geht darum, dass ihr ernsthaft und verbindlich plant, nur noch xy Flüge, Industrien, etc. zuzulassen. Am besten in der grossen Freude, dass wir - also die Bäume, die Tiere, die Natur - auch ein gutes Leben haben. Die Freude, diesen Raum mit uns zu teilen und uns aneinander zu erfreuen. Die Freude, unseren Atem zu spüren, als sei es eurer. Wenn ihr das könnt, zieht sich dieser Virus sofort zurück und ihr werdet nichts mehr davon hören. Es ist ganz einfach. Es geht nur darum. Alles ist einfach verbunden.“ Ich bedankte mich, zog die Hand wieder zurück. Der Hund hatte sein Geschäft verrichtet. Ich ging.

War ich dankbar? War ich besorgt? Hatte ich eine Lösung erhalten? Ich fühlte mich jedenfalls leicht und frei und dankbar für das Gespräch. Alsbald meldete sich der Verstand oder die Einsicht: Wie soll das gehen? Ich dachte an alle Länder dieser Welt, an die verschiedenen Positionen, Interessen, Kulturen. Ich dachte an die vielen, die auch mit den Bäumen sprechen. Und ich dachte an die vielen, die es nicht tun. Ich unterteile sie nicht in die Guten und die Bösen. Darum geht es nicht. Es geht um Bewusstsein. Wie lange braucht es, bis jeder Mal mit dem Herzen einen Baum gefühlt hat, ein Tier, einen Stein? Wie lange dauert es, bis alle Herzen sich davon so berühren lassen, wie von ihren Kindern, Partnern, Haustieren oder Lieblingsblumen, Lieblingsmusik, was auch immer.

So geht es mir in der Quarantäne. Ich bin keine Grüne und ich bin auch keine Nicht-Grüne. Ich spreche einfach gerne mit allem Beseelten. Ist manchmal recht anstrengend, aber man braucht auch kein Radio oder Fernseher mehr. Aufgrund dieser Unterhaltung(en) bin ich schon lange in einer Art Quarantäne, lebe also viel zurückgezogener als früher. Trotzdem fehlen mir in dieser Kollektiv-Quarantäne ganz besonders das Shoppen, der Friseur und das Solarium. Ich bin also eine ganz normale Frau unserer Zeit und sorge mich auch um meine Gesundheit und um die meiner Familie, Freunde und Mitmenschen.

Meine Mutter lebt in Italien. Da frage ich mich schon, wann sehe ich sie wieder? Wann darf man wieder hinfahren? Und bin ich dann Corona-frei? Muss ich einen Test machen? Oder sie? Wie kommunizieren wir dann miteinander? Mit Maske? Können wir noch an einem Tisch miteinander sitzen (natürlich denke ich auch an ihre Küche, gnam ...). Viele Unsicherheiten. Wie gut, dass es da die Bäume gibt. Die mich auf Zusammenhänge aufmerksam machen und mich entlasten. Ja, Bäume sind grosszügig. Sie nehmen sehr viel ab. Wenn sie nicht mehr atmen können, ist es aus einer neutralen Perspektive aus betrachtet logisch, dass wir nur durch ähnliche Erfahrungen Empathie mit ihnen und allem Lebendigen lernen können. Ich hoffe auf ein Bewusstseins-Wunder vom Kollektiv und ein Liebeswunder von der Natur. Es ist noch nicht aller Tage Abend!