Bist du bereit?

„Feste soll man feiern, wie sie fallen!“ ...sagte meine Großmutter

Am letzten Sonntag fuhr ich morgens noch vor sechs Uhr mit der Bahn nach Mecklenburg – nach Hohenbüssow – einem kleinen paradiesähnlichen Dorf in Vorpommern. Fünf Stunden war ich unterwegs für ca. 250 km. Mein Weg führte über die Großstadtmetropole Berlin – kaum jemand war um diese Zeit an diesem Sonntagmorgen unterwegs – fast nur junge Männer aus den unterschiedlichsten Kulturen – einige sehr sorgfältig festlich gekleidet – wohin sie wohl wollten an diesem frühen Sonntagmorgen?

Ich bin unterwegs zu einem Elterntreffen von 18 jungen Mädchen und Jungen, die dieses Jahr „initiiert“ werden sollen – d.h. sie haben sich für eine  gemeinsame Zeit entschieden, in der sie u.a. eine „moderne“ Initiationszeit erfahren – neun Monate werden sie dabei von uns begleitet: Es gibt verschiedene Treffen, in denen Fragen Platz haben wie: Wer bin ich gerade? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was ist ein guter Platz für mich in der Welt? Was ist ein gutes Leben? Was kann ich beitragen?... es geht um Kontakt, Beziehungen, Vertrauen & Grenzen, Freundschaft und Zusammenleben, wir sind viel in der Natur... in einer Intensivzeit im Sommer werden die jungen Menschen einen Tag und eine Nacht allein in der Natur verbringen und ein großes Fest feiern, um  diesem besonderen Lebensmoment Ausdruck zu verleihen und in der Gemeinschaft/ im Dorf wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden.

Wir treffen uns in einer großen Scheune auf einem privaten Grundstück, was seit vielen Jahren u.a. dieser Arbeit als ein guter Heimathafen dient. Draußen grollt es. Dunkle Wolkentürme ziehen übers Land. Es regnet und stürmt. Manchmal blitzt die Sonne kurz herein. Es ist frisch. Ich nehme diese „unterstützenden“ Kräfte wahr und weiß, ich bin in „guter“ Gesellschaft.

Wir sitzen geschützt in der Sommerküche der Scheune, auf dem Tisch steht frischer Flieder, es gibt heiße Suppe und Kuchen – wir sind fast 30 Menschen und wir sitzen im Kreis – so gut das geht. Manche der Menschen halten ein wenig mehr Abstand als andere, stehen oder sitzen am Rand – es ist Freude im Raum, auch Skepsis, Spannung und Vorsicht. Alle kommen wir aus einer Zeit, in der Treffen dieser Art nach wie vor untersagt sind. Wir treffen uns, weil wir dieses Jahr eine Verabredung haben, die sich nicht weiter aufschieben und auch nicht ohne weiteres absagen lässt. Zwei Treffen konnten in den letzten zwei Monaten nicht stattfinden. Wir wollen die Stimmen der Eltern dieser jungen Menschen hören, um eine gute Entscheidung treffen zu können und um weitere gemeinsame Schritte möglich zu machen – auch wenn das offiziell nicht „erlaubt“ ist.

Wir leiten die Runde kurz mit unseren Überlegungen, Möglichkeiten und Absichten ein – dann hören wir jede Stimme – jede einzelne Stimme. Wünsche, Bedenken, Ängste, Gefühle werden formuliert... sachlich, emotional, leise, eindringlich, aufgeregt, unaufgeregt....es gibt keine Diskussion, kein Dazwischenreden, kein Abwürgen. Wir hören zu. Und nach der Runde ist alles ausgesprochen, was wir aus den letzten Wochen kennen...so gibt es z.B. eine Familie eines Jungen, dessen Vater schwer krank ist – soll er es jetzt entscheiden, ob er zu einem Treffen kommen kann und damit seinen Vater vielleicht gefährden? Viele Fragen stehen im Raum und es zeigt sich noch etwas anderes – es kehrt Ruhe ein, Entspannung, Vertrauen....auf diesem Boden geht es nun darum gemeinsam Antworten auf all die Fragen zu finden, abzuwägen, Ressourcen zu aktivieren, konkret schauen, was es braucht, damit alle dabei sein können - es geht weiter....

In den Tagen vor dem Treffen habe ich darüber nachgedacht, wie das wohl in frühen Kulturen war, wenn es darum ging Rituale und Feste zu feiern – wie sind die Menschen wohl damit umgegangen in Zeiten von starken Naturereignissen oder -katastrophen – haben sie trotzdem ihre Rituale gefeiert? Haben sie diese der Situation angepasst? Haben sie diese erst recht begangen, weil sie ahnten, dass sie der Gemeinschaft und damit dem Überleben dienen?

Dann ist mir die Geschichte meiner Großmutter eingefallen, die sie mir im Sterben erzählte – sie wurde auf der Flucht 1945 notkonfirmiert. Meine Urgroßmutter packte den Stoff des Kleides ein und nähte nachts daraus ein Kleid in der Zeit, in der sie auf ein Rot-Kreuz-Schiff warteten, dass sie in Sicherheit bringen sollte. Sie suchte in einer fremden Stadt im Kriegschaos nach einem Pfarrer, der bereit war ihre Tochter zu konfirmieren.

Heute gibt es keine allgemeingültigen Rituale mehr, die die menschliche Gemeinschaft und das „Überleben sichern“. Diese Arbeit, die wir tun, findet eher am Rand und in Nischen statt – nur wenige Menschen kennen den Inhalt und den Wert. Wir haben kaum öffentliche Präsenz, schon gar keine Lobby. Deshalb ist es auch nicht so sinnvoll, das Gesundheits- und Ordnungsamt zu fragen und darauf zu warten, dass diese uns eine offizielle Erlaubnis erteilen.  

Es geht uns darum Sicherheit und Orientierung in uns selbst zu finden, Risiken abzuwägen, Verantwortung zu übernehmen und vor allem Vertrauen in unserem gemeinsamen Tun zu entwickeln – es gemeinsam bewusst zu tragen mit allem, was dazu gehört.

In einer meiner Ausbildungen vor 20 Jahren bei Cito und Habiba war ein Ausbildungsinhalt das  „Sicherheitskonzept“ in der Arbeit in der Natur mit Menschen. Ein Teil dessen war vor allem die Frage: Bist du bereit Menschen in Grenzsituationen zu begleiten? Und wenn ja, was braucht und unterstützt dieses Ja. Die Grenzsituationen heute sind andere geworden, aber die Frage hat sich nicht verändert. Und ja, ich bin immer noch bereit oder immer wieder....