Entdecke die Möglichkeiten

Seit Monaten schiebe ich eine möbeltechnische Veränderung in meiner Wohnung vor mir her. Nicht, weil ich die Arbeit scheue, nein, weil ich dafür zu IKEA müsste.
Solcherlei Einkäufe sind mir ein Graus: viele Menschen, Dudelmusik aus den Lautsprechern, quängelige Kinder, Familientrauben die die Gänge verstopfen, Ehekrach, weil dem Herrn beim Ausprobieren der 50 verschiedenen Matratzen das Handy in irgendeine Möbelhausbettritze gerutscht ist und ihre glorreiche Idee ihn anzurufen daran scheitert, dass er es abgestellt hat. "Typisch, wie immer!", tobt sie während er versucht, ein System in seine Suche zu bringen, was aber die anderen Matrazenprobelieger*innen unabsichtlich vereiteln: er kann schliesslich nicht einfach einer liegenden Dame in der Bettritze herumfummeln; auch ein Probierbett ist heilig. Inzwischen weiss ich, dass man an blauen Schildern weit oben Abkürzungen durch die verschlungene Möbelausstellung finden kann, aber wenngleich ich diese Abkürzungen wie eine Agentin suche und finde, komme ich irgendwie immer an allen Abteilungen vorbei: Wohnzimmer, Essplätze, Küchen, Arbeitsplätze, Schlafzimmer, Kinderwelt. Ok, geschafft. Jetzt noch vorbei am Restaurant und hinunter in die Rückschlängelrunde mit Kleinteilen, dann wieder hinauf durch die Selbstbedienungshalle, da kann man kurz aufatmen, weil die Gänge weiter werden, muss aber rechtzeitig vor den Kassen wieder auf rangelnde Menschen, volle Körbe und Hotdogschlange gefasst sein. Endlich draussen, rein ins Parkhaus. Der Kassenautomat nimmt nur Münzen, keine Scheine, keine Karten. Das darf doch nicht wahr sein! Mir fällt ein, dass ich im Auto noch Kleingeld habe, aber wo war nochmal das Auto? Der letzte oder der vorletzte Gang oder doch dort links hinten? Mit 20 min Anfahrt, 80 min Schlängeln und Drängeln und 20 min Heimfahrt, raubt mir ein IKEA Einkauf ca. 2h Freizeit und die Zivilisationsnerven von ca. einer Woche. Noch nicht gerechnet ist die halbe Stunde die ich anstehen müsste, wenn ich mit einer Nummer in der Hand darauf warten würde, dass sich meine Zahl am Display zeigt und ich in der Wohnzimmerabteilung mit einer Kundenberaterin sprechen könnte.

Soweit meine Erinnerung an frühere IKEA-Tage, noch vor Corona-Zeiten.

Nun ist steht das Leben vielerorts Kopf: Ich sitze seit inzwischen 10 Tagen im Landidyll-Homeoffice und wenngleich ich täglich diszipliniert im Wald spazieren gehe, sind mein Körper ein bisschen unter- und Augen und Ohren vom vielen Zoomen überfordert. "Ich muss mal was Rechtes machen!", dachte ich am Samstagabend und da fiel mir das Wohnungsprojekt wieder ein. Ob IKEA offen hat oder liefert? Im Internet fand ich alles wie gewohnt und am Ende des Bestellvorgangs die beiden Optionen "Lieferung" oder "Click & Collect". Das eine mit saftigem Aufpreis, das andere ohne Zusatzkosten, also dort mal weiter – die Spannung steigt. Auf der folgenden Seite sehe ich ein Auswahlfenster mit möglichen Abholdaten in meiner Heimatfiliale. "Schon am Montag!?", rutscht es mir erstaunt raus. Ungläubig, aber auch mit Bewunderung entscheide ich mich für die Abholzeit zwischen 13:30 und 14:30h.  Bezahlen, fertig. "Pling", sofort kommt ein Mail herein indem man sich für die Bestellung bedankt und Abholzeit und Datum bestätigt. Cool!

Heute Morgen breitet sich Skepsis in mir aus: Es sind doch alle Warenhäuser geschlossen und das klappt doch nie!? Die Vorstellung, bei diesem schönen Wetter umsonst zu IKEA zu fahren, ist unerträglich. Ich entscheide es auszulassen. Aber um 13:30h packt mich die zivilisatorische Abenteuerlust und ich setze mich doch ins Auto.

Nach 15 min erreiche ich die Parkhauseinfahrt, viel schneller als sonst, weil überall weniger Verkehr ist.

Vor einer der beiden Einfahrtspuren steht eine Barrikade, bei der anderen ist dafür die Schranke offen und ein gut lesbares "Click & Collect" Hinweisschild hält mich an, direkt rechts abzubiegen. Weitere Schilder führen mich bestens durch die dunkelgrünen Katakomben des sonst ausgestorbenen Parkhauses auf Wegen, die ich noch nie gesehen habe. Dann wird es heller, der IKEA-Eingang kommt in Sicht. Eine blau-gelbe Dame mit Mundschutz weist mir mit Handzeichen freundlich das letzte Wegstück bis zu einem Stehpult. Die hier wartende Frau lächelt (das sieht man auch durch einen Mundschutz) und bittet mich wortlos, das Fenster zu öffnen. Sie erklärt mir kurz und klar das kommende Einkaufsvorgehen. Es sind aber einige Schritte, so dass ich mich konzentrieren muss, mitzukommen. Meine Anstrengung ist mir wohl ins Gesicht geschrieben, denn schon wieder lächelt sie ganz verständnisvoll und wiederholt: "Zum Parkplatz mit ihrer Nummer fahren, im Auto sitzen bleiben, die Ware wird ihnen hinter das Auto gestellt, warten, bis die Mitarbeiterin die Schilder hier an der Frontscheibe abgenommen hat, danach aussteigen und einladen, dann bitte das Körbli zurückbringen und wegfahren." OK! Beim Gehen steckt Sie mir eine grosse Nummer 9 unter den Frontscheibenwischer. Ich fahre langsam los und sehe eine Tafel mit Parkordnung: 1-9. Jede Nummer eine andere Farbe, ich kann entscheiden, ob ich die 9 suche oder "Gelb". Fast wie früher im Kindergarten die "Fische" und "Blumen", aber da hier sowieso grad alles ziemlich ungewohnt abläuft, bin ich froh um die Einfachheit des Systems. Mein Parkplatz ist noch besetzt und eine dritte mundgeschützte Dame weist mir mit der Hand die Nummer 4 zu. Ich stehe noch nicht richtig, kommt die Nächste mit einem Wagen und - ziemlich offensichtlich - meinem Möbelstück und schaut ungläubig, weil sie die 9 anpeilt, aber das Auto dort grad abfährt. Sie schaut zu mir ins Auto, ich zeige mit den Fingern eine 9, sie lächelt, schaut nochmal zum Parkplatz 9 und stellt schliesslich ohne Zweifel und Zögern die Ware hinter meinem Heck ab. Sie kommt ums Auto gelaufen, nimmt das Parkschild von meinem Scheibenwischer, zeigt mir den "OK-Daumen" und geht wieder ins Warenhaus.

Ich bin völlig verdutzt, möchte hier bleiben, das Treiben beobachten, Fotos machen, jemanden anrufen... das gibt’s doch alles gar nicht! Bin ich wach oder träume ich das? Aber ich will keine Spielverderberin dieses fliessenden IKEA-Uhrwerks sein: Also steige ich brav aus, lade ein, bringe den Einkaufswagen an seinen Platz und fahre wieder ab. Bevor ich einsteige bemerke ich, dass nicht mal Dudelmusik läuft heute. Es ist friedlich und freundlich an den Einladeparkplätzen bei IKEA. Und es gibt überhaupt nur 9 Parkplätze! Kann mich mal jemand kneifen!?

Das Einkaufspozedere hat keine 10 Minuten gedauert, ich bin nach 40 min wieder zu Hause. Kein Stau, kein Stress, keine Parkgebühren. Vier IKEA Mitarbeiterinnen, die sich herzlich und engagiert um mich gekümmert haben und die richtige Ware habe ich auch in meinem Auto.

Noch immer staunend sitze ich hier: die Welt steht wirklich Kopf: Während alle Welt auf Isolation und Distancing macht, wird man im Tempel der Massenware zum angesehenen Menschen dem man freundlich begegnet. Es tut mir leid, heute gefällt mir die Corona-Krise.