ES regnet

Es regnet.
Man sage, wenn Engel reisen, lacht der Himmel. Aber wenn eine Tochter von Oxum - wie Habiba - unterwegs ist, dann weint er. Mit Vorliebe in Gebieten, wo es sonst wenig, kaum, oder sozusagen nie regnet. Wie damals im ägyptischen Luxor.

Es regnete in Strömen. Für unseren Taxifahrer, der uns zum Hotel fuhr, war es offenbar das erste Mal. Wir mussten ihm zeigen, welcher Hebel der Regenwischer ist. Es regnete unaufhörlich, er spritze golden von die Strassenlampen und lautstark auf die Blechdächer der einfacheren Behausungen. Über die hundert Lautsprecher der hundert Moscheen mussten sich die muselmanischen «Betrufer» ziemlich Mühe geben, den Regenlärm zu übertönen. Und dann auf einen Schlag aus die Lichter, aus die Lautsprecher und nur noch der prasselnde Regen in der Dunkelheit. Ein Kurzschluss hat die Elektrizität lahmgelegt. Hinter dem Hotel sprang ein Dieselmotor an und durch die regenverschwommenen Fenster sah man im Speisesaal die Lampen angehen. Allerdings lief der Generator nicht ganz rund, die Lichter gingen an, und wieder aus, und wieder an. Die speisenden Gäste erschienen, und verschwanden, und erschienen wieder. Eine lustige Speiserhythmik. Schneiden und zustechen wenn das Licht da ist, hineinschoppen und kauen, wenn es weg ist. Das in einer ariden Weltgegend, wo die Menschen von ihrem Gott - sei er christlich, sei er islamisch, sei er jüdisch – zwar mit Dürren für ihre Süden bestraft werden können, aber für Wohlverhalten alles, aber nur keinen Regen erwarten dürfen. Kein Gebet, kein Bibelspruch spricht von einer solchen Möglichkeit, obwohl sich doch Regen auf Segen so gut reimen würde. Regen machen kann ER nicht.

ES regnet.
«Welche Instanz, welche Wesenheit tritt hier in Erscheinung, indem sie sich in Erinnerung ruft?» frägt Gerald Schmickl in seinem Beitrag.  «Ein Bergler mit magischem Genie wird seine Vorstellung vom Es nicht gerne in bestimmte Formen kleiden» schreibt Eduard Renner in seinem Buch «Goldener Ring über Uri». Renner beforschte in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die archaische Weltsicht der letzten Indigenen Zentraleuropas; den Sennen der zenralschweizerischen Alpenregion und fasste sie mit drei Formen des magischen Erlebens zusammen: Das Es, der Frevel und der Ring. Mittels magischer Handlungen wie dem Betruf* legt der Älpler jeden Abend einen Schutzring um seine Alp, die ihn, Vieh und Hütte vor Ungemach behüten soll. Bedrohliche Naturgewalten und Krankheiten sollen ferngehalten werden durch einen Pakt mit dem Es. Dieses Es kann vor allem dann mit schrecklichen Ereignissen aufwarten, wenn die Menschen einen Frevel gegenüber den Gesetzen der Natur begannen. Das Weltenverständis jener Menschen war noch absolut reziproz, «wie ich dir, so du mir». Also beispielsweise: wenn China die Urwälder Borneos frevelt, schickt das Es über die obdachlosen Fledermäuse Covid19 in die Städte – und weil die ganze Welt tatenlos zuschaut, in die ganze Welt.

Der Bergler, sagt Renner, brauch das Es nie als sächlichen Artikel, sondern nur in Ausdrücken wie es ruft, es fragt, es bring das Vieh. Er sieht darin also keine Person, keine Verkörperung, sondern «eher das, was wir als das grosse Grauen, das Numen erleben». Mit diesem Es ist der Älpler im dialogischen Kontakt. Es regnet gehört dabei nicht zum Repertoire, denn der Regen ist dem Bergler keine unheimliche Macht. Beim modernen Landwirt im Tal jedoch kann der Regen – besser gesagt, das Ausfallen des Regens – im Anblick einer dramatischen Klimaerwärmung und drohender Dürrekatastrophen bald zum unheimlichen Numen werden. Eine Reaktion der Natur für den Frevel, sind die Emissionen der heutigen heutige Landwirtschaft doch zu einem beträchtlichen Teil an der Klimaerwärmung beteiligt.

*Der  Betruf, auch Alpsegen genannt, ist in seiner Urform kein christliches Gebet wie in der heutigen, folkloristisch und touristisch dargebotenen Form. Das Wort «Loba» beispielsweise, welches in der christianisierten Form ein «Lobe den Herrn» wurde, bedeutete ursprünglich «Kuh»

Es regnet!
Am 28. April rauscht es wohltuend vom Himmel; nach einer langen und heftigen Dürreperiode. Die Quelle hinter dem Haus ist zum ersten Mal versiegt, unser Permakulturnachbar orakelt, dass das ein schlimmes Jahr werden wird und aus den Medien vernimmt man, dass die Bauern die diesjährige Ernte bereits aufgegeben haben.

Gerald schreibt, dass wir keine Verfügungsmacht über den Regen haben und hält die Kunst selbsternannter Regenmacher für eine Hybris. Aber können wir die Götter beeinflussen, dass sie Regen fallen lassen? Die Antwort ist, sofern es sich um weibliche Gottheiten handelt, ja. Viele alte Mythen reden von Dürren, welche von weiblichen Gottheiten (z.B. Demeter) einem frevelnden Volk gesandt wurden und erst nach einschneidende Opfergaben wieder bereit waren, Regen über das Land fallen zu lassen.

Mitte April riefen wir im Rahmen eines Umbandarituals eine Entität (Inkorporation einer Naturinstanz). Sie nennt sich Oxitaya und ihre Nachricht war, als wir ihr die versiegte Quelle zeigten: In Zeiten von Trockenheit ist es zentral, dass wir uns der Zirkularität des Wassers auf der Erde erinnern. Jede soll eine schöne Gabe an die Quelle legen. Gesagt, getan und der Regen kam. Zufall? Magie? Regenmacherkunst? Scharlatanerie. Was immer, auf jeden Fall wurde das restliche Jahr ein sehr fruchtbares, viel Sonne und dazwischen in guten Abständen immer wieder segensreicher Regen.

Es regnet
Es regnet Regen, regnet ununterbrochen, singt der Brasilianer Gorge Ben in einem der schönsten Regenlieder und bittet in seinem Betruf dafür, dass «Gott, unser Senhor, doch den Regen stoppen möge, denn er durchnässt seine göttliche Geliebte, die doch so zart ist, so rein und so schön und unschuldig wie eine Blume». Nach dem ihm sein Senhor offenbar nicht helfen konnte oder wollte, wechselt Gorge in der zweiten Strophe zum naturdialogischen Verfahren und bittet den Regen  - in portugiesisch die Regen, weil weiblich – direkt dass sie aufhören möge, seine Geliebte zu durchnässen. 

Chove chuva
Chove sem parar
Chove chuva
Chove sem parar
 
Pois eu vou fazer uma prece
Prá Deus, nosso Senhor
Prá chuva parar
De molhar o meu divino amor

Foto:
Flexeiras, Brasilien