Etwas Verbotenes tun

Wir funktionieren ganz gut, denke ich, als ich an der Schlange vorbeiradle, die sich weit um die Ecke herum windet mit den geforderten Abständen zwischen den Kunden vor der Eisdiele. (Die spontane Idee, mir auch ein Eis zu gönnen, verwerfe ich bei dem Anblick sofort wieder) Die Botschaft ist angekommen: Abstand halten als oberstes Gebot. Das haben wir verinnerlicht.

In Bayern darf man in der Phase der Ausgangsbeschränkung nur mit den Menschen, mit denen man in einem Haushalt lebt oder mit dem Lebenspartner/in unterwegs sein. Also entweder mit der Familie oder nur mit einem Menschen spazieren gehen, und dieser Mensch soll im gleichen Haushalt wohnen oder Lebenspartner/in sein. Selbst die Kanzlerin hatte in einer ihrer Ansprachen an das Volk Nachbesserungsbedarf in der genauen Formulierung bei der Nachfrage eines Journalisten... Wer darf jetzt mit wem genau unterwegs sein? Für mich als Alleinstehender bedeutet das also, immer allein unterwegs zu sein. Gleichzeitig soll man zuhause bleiben, es wird empfohlen, (jedoch nicht verboten), nicht in die Berge zu fahren oder die üblichen Ausflugsziele von München aus anzusteuern. An den Tegernsee will ich sowieso nicht. Laut Medienberichten wurde dort eine Frau mit Münchner Kennzeichen bereits angefeindet. Wenn, dann würde ich andere Ziele ansteuern. Aber mich befallen Skrupel. Ich überlege also, wie weit mein Radius gehen kann und mit welchem Verkehrsmittel ich etwas mehr ins Grüne gelange. Denn die Parks und Isarauen in München sind bei dem schönen Wetter sehr stark frequentiert. Da wird das Abstandhalten dann schon mal schwierig. Nicht nur, dass ich meine eigene Ängstlichkeit und Beklemmung spüre, als ich mich auf dem Weg zum Forstenrieder Park mache, dafür das Auto nehme und mich unterwegs auf einmal der Gedanke überfällt: Was, wenn jetzt das Auto stehen bleibt? Ist spazieren gehen außerhalb meines eigenen Viertels ein triftiger Grund? Sicher fällt mir etwas dazu ein, und sicher kann ich das glaubhaft verteidigen, aber schon allein, dass ich mich das frage und mir passende Antworten zurechtlege, beklemmt mich.

Im Wald zu Fuß unterwegs und schließlich auf der Wiese unter einem blühenden Kirschbaum liegend, bin ich froh, mich auf den Weg gemacht zu haben. Es tut gut, erdet, lüftet mich aus und stärkt meine Immunkräfte...

Die nächsten Tage lote ich mit dem Fahrrad die Ränder der Stadt aus, entdecke auf die Art und Weise neue Gegenden und freue mich am Draussensein. Was mich jedoch in Wallung bringt, sind die Kommentare meiner Freundinnen, die meine Ausflüge entweder mit dem Hinweis auf Verbote, oder mit dem Senden von Artikeln darüber was man darf und was nicht, bzw. so kommentieren: Das einzige was dir passieren kann, ist, dass du angehalten wirst von der Polizei und sie dich fragen, ob du hier wohnst... Das bringt mich auf die Palme, vielleicht eine überschießende Reaktion. Soviel Hundertschaften bringt die Polizei ja dann doch nicht auf, um jede einzelne Radfahrerin zu befragen, ob sie da wohnt, wo sie herumradelt. Ich finde die Bemerkung überflüssig und wehre mich gegen das Übererfüllen eines Gebots, bzw. gegen die Einschüchterungs­maßnahmen, die offensichtlich fruchten. Ich mag mir gar nicht vorstellen, zu welchen Verwerfungen es unter Freunden käme in anderen Umständen, in autoritäreren Gesellschaften. Von den Freundinnen erhoffe ich mir Unterstützung und Verständnis, keine erhobenen Zeigefinger oder Warnungen.

Jede ist doch aufgerufen mit sich selbst auszumachen, wo die Grenze verläuft – was möglich ist, was ich besser unterlasse. Und schon das Wörtchen „triftig“ ist ja ziemlich auslegbar.

Inzwischen ist es wieder erlaubt, auf einer Bank zu sitzen und ein Buch zu lesen. Auch das war vorübergehend untersagt.