Flatten the Curve

Eine neue Parole ist mir heute mehrfach über große elektronische LED-Anzeigetafeln an den Straßenrändern von Berlin entgegengeblinkt: „Die Kurve flach machen“, aber halt in Englisch: „flatten the curve“, Berlin eben. 

Natürlich ist mir sofort klar, was gemeint ist, die Geschwindigkeit der Ansteckungswelle soweit zu drosseln, damit die Gesundheitssysteme z. B. mit den Beatmungskapazitäten hinterherkommen um im schlimmsten Fall nicht die Triage anwenden müssen, also zu entscheiden, wer vermutlich die größere Überlebenschance im Vergleich zu den anderen Notleidenden hat, damit er, dieser Mensch, ans Beatmungsgerät darf und der andere nicht, was nicht automatisch heißt, dass er stirbt, aber seine Überlebenschancen sind dann geringer.

Ich lese diese Parole als einen Befehl mit Empfehlungscharakter, noch, aber das ist ein anderes Thema. Aber die Metapher lässt mich nicht los. Ich soll eine Kurve flach machen. Wenn mir das so richtig gelingt, hätte ich doch eine Gerade, also wieder genügend Beatmungsgeräte und..., nein…ich will bei dem Bild der geraden Kurve bleiben, ganz wertneutral, ohne Inhalt. Sofort kommt mir das alte Problem der Quadratur des Kreises in den Sinn, welches bis heute nicht gelöst wurde, obwohl es dafür sogar Vereinigungen mit höchst kompetenten Mitgliedern gibt. Hoffentlich, so denke ich, ist die gerade Kurve nicht auch so ein kompliziertes Problem, wo doch vor circa 150 Jahren ein Mathematiker bewiesen haben will, dass dieses Problem unlösbar ist, obwohl vor bald 2.500 Jahren der Anaxagoras in einem Gefängnis sitzend, er galt als gottlos, die Lösung aufgeschrieben hatte, laut Plutarchs Aussagen jedenfalls.

Das Ganze scheint mir verzwickt und auch irgendwie zugenäht, aber unlösbar? Nein, die Lösung ist ja am Ende immun zu werden wenigstens für ein Jahr, so heißt es meistens. Und bis dahin sollen möglichst wenige Menschen sterben, am Virus natürlich, besonders die Alten und Schwachen, die krankheitsbedingt Vorbelasteten und die Kranken, also alle mit einem geschwächten Immunsystem. Bis dann hat man dann auch einen Impfstoff gefunden, so hofft man. Und ich denke an die begradigten Flüsse, und ohne es noch zu verstehen, was hier vor sich geht, habe ich das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt. Der rosarote Elefant kommt mir unweigerlich in den Sinn, an den ich nicht denken soll, aber schon sehe ich ihn vor mir. Die Abzweigung nach links auf die A115 verpasse ich wegen ihm und muss geradeaus weiterfahren um dann ein ganzes Stück weiter eine 180° Wende einzuleiten. Jetzt nach rechts anstatt wie vorher noch nach links. Nein, das ist keine politische Metapher, wir ziehen ja jetzt alle am gleichen Strang, sogar global betrachtet, sogar in Indien und wo sonst noch der Pfeffer wächst. Auch Merkel spricht von „gemeinschaftlichem“ Handeln, so wie sie damals bei der letzten Krise, die hieß „Lehmann", plötzlich „systemisch“ gesagt hatte, systemisch relevant waren bestimmte Banken, auch ohne Hellinger. Denken macht mich gerade zuversichtlich. Damals systemisch, heute gemeinschaftlich, wenn das so weiter geht, landen wir eines Tages wieder im Paläolithikum, aber viel besser, weil wir uns dazu entschieden haben, also bewusst eine innovative Regression initiiert haben mit backup, weil das Internet mit KI behalten wir, man weiß ja nie.

Jetzt komme ich in Fahrt! Es wird gerader, zwar noch mit Geschwindigkeitsbegrenzung, aber die Landschaft weitet sich bereits und mein Horizont auch. Ich überhole einen Mannschaftswagen der Polizei, blicke verstohlen kurz in den Rückspiegel, ob ich verdächtig sein könnte. In Spanien oder Italien oder Frankreich oder Belgien oder Österreich oder Uruguay oder…oder auch schon Indien? wäre ich es ganz sicher. Mit einem alten VW-T4 mit grauen Vorhängen, Aufstelldach und trotz bayrischem Kennzeichen und ohne triftigen Grund bin ich nach den Toren Berlins immer noch sicher und ein guter Bürger. Vielleicht kein lieber Bürger, denn der Definition des Innenministers Strobel aus Baden-Württemberg von vor ein paar Tage „…da müssen unsere Sicherheitsbehörden das wissen, damit sie das dann unterbinden können, und deswegen sind aufmerksame Bürger mir eigentlich..ähm…auch ganz liebe Bürger.“ werde ich vermutlich nie gerecht werden. Ich hoffe, ich kenne auch ganz wenige bis gar keine „lieben" Bürger. Kurz gehe ich meinen Bekannten- und Freundeskreis in Gedanken durch...

Es wird immer gerader und leerer, immer länger und müder, der Tempomat macht seine Arbeit und nur noch meine Hände agieren als Korrektiv der langgezogenen Kurven um sie einigermaßen gerade zu biegen. Es ist schön, wenn die Sonne scheint bei blauem Himmel, es ist schön auf trockenen Straßen stundenlang dahin zu fließen, es ist schön die Gedanken frei zu lassen, schön an mein nächstes Ziel zu denken, das Feuer am Fluß, und an euch!

P.S.
...noch einmal darüber geschlafen, kamen mir Gedanken, die ich nicht gedacht habe, aber denken hätte können....

Wieso machen wir uns jetzt plötzlich Schutzgedanken über unsere Alten und Schwachen, jene die in Alten- und Pflegeheimen über-leben, oft zwar bestens versorgt durch unterbezahlte burnout-bedrohte Fachkräfte, binnen weniger Jahre aber körperlich und besonders geistig verfallen, und seelisch... -hier wissen meine Finger gerade nicht mehr weiter-. Jetzt stoppen wir deshalb global sogar ganze Volkswirtschaften? Wieso jetzt plötzlich so viel Aufhebens?
Bin ich jetzt zynisch, wenn ich das denken würde?

Und die Angst geht um, viral via Medien wie Radio, TV, den Socials und den Onlines verbreitet. Ungebremst, und Alle und Alles aus vollen Rohren auf die mehr oder weniger Eingesperrten...es ist ernst, es ist Krieg, da müssen wir jetzt durch, wir werden uns daran gewöhnen müssen, Rankings zu Infizierten, Toten, Genesenen...und in Schweden kann man noch überall Skifahren gehen...alter Schwede!

Angst, mit der jeder Mensch anders umgeht, manche verfallen einem Aktionismus, andere hängen unseren Experten und Politikern und sonstigen Predigern hingebungsvoll an den Lippen, oder auch alles gleichzeitig und verlernen dabei langsam aber sicher das selbstständige Denken.

Der gesunde Menschenverstand braucht ja schließlich Bewegung, Erleben und Erfahrung, damit er gesund bleibt, aber dazu bräuchte es eine autonome und mutige Haltung, Bewusstsein um Risiken einzuschätzen und einzugehen und bereit zu sein das Haus dafür zu verlassen. Bei uns in Deutschland geht das noch, und wird trotzdem kaum gemacht, aber in vielen anderen Ländern ist das strikt verboten! Wie werden wir mit dieser wachsenden kollektiven Psychose umgehen? Uns daran gewöhnen? Die Pharmaindustrie um Rat fragen und bitten den Impfstoff gleich mit Melatonin, Seratonin und Dopamin zu versetzen? Huxleys neue Welt für 50 Cent im Online-Antiquariat bestellen?

Besonders die selektive Wahrnehmung, was vertrag ich noch, da schau ich noch hin, und die Fragmentierung von Informationen aus Kontexten geschnitten und neu zusammengesetzt bringen neue Disneylands und -worlds in vielen Köpfen hervor. So nach dem Pippi Langstrumpf Prinzip „Ich mach mir meine Welt, wie sie mir gefällt!“
Was auch richtig wäre, wenn man denn so wie Pippi wäre...

Wer Angst verbreitet und dann noch Nutzen daraus zieht, ist ein gefährlicher Virus, der gefährlichste überhaupt!
Es braucht vielleicht noch viele Tote, damit wir gegen diesen Virus immun werden!

Bin Ich jetzt zynisch, wenn ich das denken würde?

Der rosarote Elefant kann jetzt gehen, damit ich diesmal die Kurve kriege, ich freu mich auf die Wirklichkeit, und das denke ich jetzt wirklich!