Gedanken aus Übersee

Heute ist hier in Pahia im Norden der Nordinsel von Neuseeland der 31. März 2020, Tag 6 nach dem vollständigen lockdown, auch des öffentlichen Verkehrs. Nur Supermarkets für Lebensmittel sind nich offen. Bäckereien, Metzgereien und Take aways sind geschlossen, Überlandbusse fahren keine mehr, Inlandflüge sind nur für Personen mit speziellem Bedarf erlaubt. Ob heimreisende Touristen dazu gehören ist noch offen. Die Devise hier heisst "stay home - save live". So gut sortiert war die Welt wohl schon lange nicht mehr. Es ist wie beim Neustart nach einem Rummy oder Eile mit Weile: Spätestens in einem Monat sind fast alle wieder zurück am Start im eigenen Land.

Vor drei Monaten am 31. Dezember sind wir nach Südamerika geflogen. Ich denke zurück an die brutalen Polizeieinsätze gegen die Demonstranten in Santiago, an die bis vor wenigen Tagen im "Tagi" (Tagesanzeiger, Zürcher Tageszeitung) noch als Corona-frei angepriesene aber von Touristen überflutete lärmige Oase San Pedro de Atacama in den Salzwüsten im Norden an der Grenze zu Argentinien, an die Armenspeisungen vor dem Parlamentsgebäude in Buenos Aires. Wie es nun weitergeht in Chile? Wie still nun die Oase in der Salzwüste wirklich ist und was all die vielen illegal Beschäftigten aus Venezuela und Kolumbien in San Pedro nun tun? Wie die 40% sehr Armen in Buenos Aires sich ernähren, wenn die Billigmärkte in der Stadt geschlossen sind? Woher das Geld in den Anden von Nordargentinien nun kommt, wenn alle Touristen auch aus dem Inland und Ausland wegbleiben?

Im Februar tuckerten wir auf einem kleinen Kreuzfahrtschiff entlang der Antarktis zwischen Südamerika und Neuseeland. Internet war nur über Satellit möglich, also für den Notfall. Es gab täglich auf A4 ausgedruckte Zusammenfassungen der News aus der Welt sowie eine vom Schiff zur Verfügung gestellte Mailadresse. Der Fokus lag auf den Wind- und Wetterberichten, den Gletschern, Pinguinen, Walen und Vögeln. An den Esstischen wurden zunehmend auch die Corona-News verhandelt. Wir in perfekter Quarantäne mussten nun bald zurück in die unterdessen "verseuchte" Welt. Als wir einen Monat später am 2. März nach eingehenden Kontrollen auf Samen in Klettverschlüssen oder unter Schuhsohlen in Bluff auf der Südinsel in Neuseeland wieder ausgestiegen, war die Welt eine andere. Auf dem Handy füllte sich sofort der Chat im Whatsapp und Telegram. Schon zwei Tage später kam die Meldung, das das Containerschiff in Singapur uns nicht nach Marseille mitnehmen würde. Wir lösten nach ein paar schönen Tagen im Abel Tasman Nationalpark bei einem Reisebüro in Wellington ein neues Flugticket von Neuseeland nach Zürich, weil Anschlussflüge ab Singapur bereits massiv teurer gewesen wären. Auch dieses neue Ticket wurde vor gut einer Woche Altpapier bzw. in einen Gutschein umgewandelt, weil der Transit in Singapur nach dem ersten Todesfall sofort gestoppt wurde. Wie Grenzschliessungen in Europa, welche für die Prävention wenig bringen, war wohl auch die Schliessung dieses grossen Transit-Hubs innenpolitisch motiviert: Noch dieses Jahr stehen in Singapur Wahlen bevor. Der letzte noch offene Hub ist in Doha (Qatar), wo das Regime mitverdient, wenn die landeseigene Fluggesellschaft weiterhin gut läuft.

Neuseeland war spät dran. Die Regierung hat medial gut vorbereitet. Bereits nach den ersten wenigen Fällen vor bald zwei Wochen wurde sofort ein Wirtschaftsprogramm aufgegleist, als die Schweiz noch darauf wartete, die Schulen aber bereits geschlossen waren. In NZ konnten sich Lehrpersonen, Kinder und Eltern mehrere Tage auf eine Schliessung vorbereiten. In der Schweiz kam sie über das Wochenende, wie man das von überraschenden Finanzmassnahmen kennt..

Auf die in Europa gängige Kriegsrhetorik wurde bisher in Neuseeland weitgehend verzichtet. Ebenfalls sympathisch war hier, dass kein Unterschied zwischen Ausländern und Einheimischen gemacht wurde: Alle Einreisenden mussten ab Mitte März in Quarantäne. Mit den ersten 60 Fällen zeigte sich denn auch, dass der Virus von zurückkehrenden Neuseeländern mitgebracht wurde und nicht von Ausländern. Das dürfte auch in der Schweiz ähnlich gewesen sein. Nur wurden unter dem Druck von Lega und SVP zuerst Grenzschliessungen für Ausländer durchgesetzt und die Schweizer unbesehen reingelassen.

Besonders traurig war deshalb zu sehen, wie BR Keller-Suter Mitte März in SRF ausdrücklich auch die Migranten erwähnte, die nun nicht mehr ins Land kommen können. Die Schweiz versteht sich offensichtlich immer nich als Insel. Aus der Ferne und mit den Erfahrungen dieser Insel im Südpazifik machen politische Beruhigungspillen wie der neu wieder aufgezogene Grenzzaun zwischen Kreuzlingen und Konstanz traurig. Ich stelle mir vor, wie das ist, wenn ich wahrscheinlich in einer Woche wieder in Kreuzlingen bin: 5 Minuten von meiner Wohnung der Seezugang über den Seeburgpark geschlossen, 7 Minuten vor meiner Wohnung die Stadt (Konstanz) mit dem Grenzzaun abgeriegelt.

Hier kann ich am Strand schwimmen oder spazieren oder im Wald den Vögeln zuhören, die hier so ganz anders singen. Sicher, auch da in Paihia ist es sehr einsam geworden, das Dorf wie ausgestorben, die Leute gehen sich aus dem Weg, beim Einkauf gibt es Ausweichstress zwischen den engen Gestellen. Im tv läuft täglich das Mantra "stay home, stay local, save live". Und täglich spricht die seit dem Massaker in der Moschee in Christchurch schon krisenerprobte Ministerpräsidentin Ardern. Manchmal auch der Polizeichef, welcher mit "Education" durch Gesprächen auf der Polizei und mit Arrest droht. Auf einer neuen Webseite können nun Regelverstösse angezeigt werden. Gestern Abend wurde mitgeteilt, dass nach dem ersten Tag bereits 2500 Meldungen eingegangen seien und die Webseite zeitweise zusammen gebrochen sei. Dazu in den News aus nächster Nähe und in Überlänge die Trauer einer 50jährigen Tochter über den Tod ihrer Mutter, der erste Corona-Todesfall in Neuseeland.

Ich bin unterdessen auch soweit wie Freunde aus Italien, die keine News mehr schauen, sondern versuchen, sich auf sich selber zu besinnen. Hier sind es die Ruhe, die Stille, welche die Vögel ins Dorf zurückbringt, der Strand, das Meer, der urige Wald oder auch Überraschungen wie die Kinder im Dorf, welche gestern Abend sich laut und sehr hoch in langen heulenden Schreien wie es nur Kinder oder Tiere können, über Distanz vergesellschaftet haben, Ich bestaune Details wie Moose auf Baumrinden oder grünen Schaum im Wasser, die Veränderungen durch Ebbe und Flut, mache Fotos und Filmchen, habe Zeit um einfach "da" zu sein. Es gibt keine Reisepläne mehr und auch keine Möglichkeiten ausser die für den 3. April gebuchte Rückfahrt in die Schweiz.

Was mich hingegen immer ungeduldiger macht, ist nicht die Frage der Heimkehr. Ich könnte gut noch hier bleiben. Es ist die Veränderung der sozialen Beziehungen. Unser Vermieter hat die Geldscheine mit Gummihandschuhen entgegen genommen. Die Leute schauen zunehmend auf den Boden, wohl aus Angst, sich zu betröpfeln. Schwer vorstellbar für mich, als Grenzgänger zur Risikogruppe bis zur Möglichkeit einer Impfung in Duckstellung zu bleiben, für andere monatelang nichts tun zu können und ihnen sogar auszuweichen. Unsere Schulden bei der jüngeren Generation werden täglich grösser. Sie sind viel weniger gefährdet, können trotzdem nicht arbeiten, verlieren Jobs, ihre zukünftigen Renten werden mit der Wirtschaftskrise auch nicht grösser und sie müssen sich ohne Hilfe von Grosseltern oder Familien aus anderen Bubbles mit Homeschooling herumschlagen. Wir Pensionierte haben unsere Renten und sollen uns ansonsten als Risikogruppe verdrücken.

Unterdessen würde ich mich am liebsten grad nach der Rückkehr nach Hause möglichst rasch anstecken lassen, damit ich nachher wieder frei herumlaufen und meine Freunde, Kinder oder die über 90jährigen Eltern besuchen kann. Natürlich mit vorherigem Hände waschen. Das Testergebnis würde ich dann auf ein TShirt drucken, so dass niemand auf der Strasse oder im Zug vor mir Angst haben muss. Und ich würde schauen, was mit mir beim versuchten Grenzübertritt nach Konstanz geschehen würde.

Lieber Jürg, danke für deine Blitzlichter aus Übersee, die Betroffenheit und Weltenblick ausdrücken. Wir bleiben verbunden, wie eure Reise auch weitergehen mag, stay in contact! Habiba