Grenzwertig

Ich bin angesteckt, verseucht und überhaupt noch nicht immun. Das Virus beschäftigt meinen Körper mit hypochondrischem Kratzen im Hals und Hüsteln, mit Augenbeissen so häufig wie sonst nie. Es beschäftigt mein Hirn und meine Seele, meine Träume und meinen Tag. Das Virus hält sich an keine meiner Grenzen, ist invasiv oder eben, es geht viral, wie das so futuristisch heisst. Und ich überlege, welche Desinfektion und Maske dagegen helfen könnte.

Bewegung und Abwechslung: Ich gehe durch die ruhige Stadt, in den grünenden Wald, an den blauen See. Dort treffe ich Leute mit denen wir den Ausweichtanz üben. Wenn Besuch in die Wohnung kommt, versuchen wir uns mit Inszenierungen wie auf der engen Bühne eines Dorftheaters oder mit Wein einschenken in adelig vorgebückter Haltung mit gebührender erlauchter Distanz. Ach, wie wir das alles unterdessen kennen und gemeinsam teilen.

Dann die magische Anziehung durch Tatorte: Was Konstanze Thomas in ihrem ersten Bericht auf dieser Seite in ihrer Berliner Jugend als merkwürdige Befreiung erlebt hat, wird hier nach meiner Rückkehr aus Neuseeland an den Bodensee brutale neue Realität. Immer wieder muss ich zu diesem neuen Grenzzaun, ich glaube es einfach nicht. Der alte aus dem Krieg wurde erst im neuen Jahrtausend entfernt. Nun ist er wieder da, zuerst von Deutschland gebaut, teilweise nur als Bauabschrankung mit Latten, dann eine Woche später in Schweizer Präzision über 2m hoch und oben stachelig in Parallelführung gedoppelt. Er soll das Einhalten der 2m Distanz der sich dort treffenden Freunde, Paare oder Familien erzwingen. In Kreuzlingen wohnen 5000 deutsche Staatsbürger, ein Viertel der Bevölkerung, viele mit Familienmitgliedern und Freunden auf der anderen Seite. In Konstanz wohnen Schweizer, einer meiner Kollegen. Der Zaun geht mitten durch unsere beiden Städte. Der Stadtpräsident hat im Mail geantwortet: Wenn wir erreichen, dass nur ein Menschenleben dadurch gerettet werden kann, dann haben wir unser Ziel schon erreicht.

Am Ostersonntag morgens um 0800 dann die Invasion. Ein tieffliegender Schweizer Militärhelikopter minutenlang über dem Zaun, mehrmals dreht er ab, kommt wieder. Am Boden patroullieren Schweizer Soldaten mit Sturmgewehr und die Grenzwache stellt ihre Kleinbusse sichtbar hin. Heute morgen lag am Zaun eine leere Likör-Flasche mit der Etikette "Berliner Luft". So ist das also. In Wien oder Berlin, in Zürich oder Bozen bewegt man sich in der Stadt, hier oder auch in Riehen-Lörrach, in Rheinfelden oder Laufenburg nicht mehr. Obwohl überall etwa die gleichen Verhaltensregeln gelten.

In der Ruhe der Dämmerung möchte ich meine innere Unruhe loswerden und drehe nochmals eine Runde. Aber ich laufe direkt in die Depression. Beim komplizierten Gewirr von Barrieren und verwinkelten Zaunabschnitten am Konstanzer Rangierbahnhof steht ein verzweifeltes und weinendes Paar am Zaun, beide Mitte vierzig, vor sich eine Flasche Schnaps halbleer. Weiter vorne an der Strasse verläuft die Grenze entlang einer Quartierstrasse in Form eines Lattenzauns zu einem privaten Grundstück auf der Konstanzer Seite. Vor einem Loch im Zaun, weil zwei Bretter unten weggebrochen wurden, sitzt jemand auf der Strasse, auf der anderen Seite auch. Durchkriechen würde mit mehreren tausend EUR und CHF gebüsst. Weiter vorne am See dann eine etwas fröhlichere Stimmung mit einer getrennten Gruppe von Freunden. Jedes Gefängnis hat heute Besucherräume. Hier findet Intimität öffentlicher unter freiem Himmel statt. Zum Glück ist schönes warmes Wetter und der Mond wird bald aufgehen.

Könnte ich mich besser schützen bei Regenwetter? Würde ich dann meine Nachbarin nicht sehen, die ihren Freund in Konstanz hat und die Tränen zuvorderst? Könnte ich so die Verseuchung etwas fern halten? Würde vielleicht Internetshopping ablenken oder neue Erfahrungen in der IKEA? Ich wüsste nicht einmal, ob die Entsorgungsstelle für die alten Möbel offen hätte. Vielleicht unterschätze ich auch die Wirkung von Whatsapps, Internet, Mails, Radio und TV wo der Virus allgegenwärtig ist? Wo wir uns gegenseitig abtasten, wo zwischen den Zeilen unerwartete Reizbarkeit und Verzweiflung auftaucht, wo immer klarer wird, dass sich unser Leben nicht so rasch wieder ändern wird, dass gewisse Berufe ganz schwierig bleiben werden, weil bis zu einer Impfung ein Jahr oder mehr vergehen könnte und weil das Virus vielleicht sogar endemisch wird, wir also damit leben müssen?

Wäre ich gescheiter in Neuseeland geblieben, in dieser übersichtlichen Cabin in Wald- und Strandnähe, auf dieser Insel weit weg im südlichen Ozean, wo die Regierung unterdessen eine vollständige Ausrottung von SARS-CoV-2 anstrebt, weil sie das bereits mit invasiven Ratten oder Possums versucht? Wo die Stadt Auckland unterstützt wird, die Trottoirs breiter zu machen und Fahrradspuren einzurichten? Wo der Lockdown in 4 Stufen vorangekündigt war, die Schulen mit Kindern und Eltern Zeit hatten sich vorzubereiten, wo seit Beginn alle Einreisenden in die Quarantäne müssen und nicht nur die Ausländer? Wo auch die neue Normalität mit den vier Alert Levels minutiös vorbereitet und mit genauen Regeln begleitet wird?

Soll ich auswandern in ein noch zu findendes Land, das regional denkt und nicht national wie die Schweiz und viele andere in Europa? Soll ich mich zurückziehen in eine cosy Community, ein Kloster, wo intern Offenheit ist und nach aussen Abschottung, so wie es Tessiner Täler versuchen oder in Neuseeland abgelegene native communities?

Und was würde es bedeuten, sich einzusetzen für eine kooperierende Schweiz, ein gemeinsam agierendes Europa, das dort eingreift, wo Hotspots sind und ansonsten mit gemeinsamen Regeln, gemeinsamer Versorgung mit Schutzmaterial, enger wirtschaftlich-finanzieller Kooperation und wieder vermehrt öffentlich finanzierter Forschung versucht, die Schäden möglichst gering zu halten? Und das nicht nur für die grossen Unternehmen, sondern auch für alle selbstständig Erwerbenden? Ein vorausschauendes Europa, welches ernsthaft auch die anderen Bedrohungen durch Gifte und CO2 endlich anpackt, möglichst im Verbund mit vielen weitere  Ländern auf unserer gemeinsamen Welt?

Ich weiss es nicht. Boris Johnson hat die Kurve knapp gekratzt. Er dankt besonders zwei ihn betreuenden Pflegenden, einer Frau aus Invercargill in Neuseeland und einem Mann aus Portugal. Ob er etwas lernt für seine Politik? Ich weiss es auch nicht.

Ich weiss nur, der Virus ist da, auch in mir und er ist viral gegangen, in viele andere. Viren haben die Evolution begleitet und mitgesteuert, sie gehören zu uns und irgendwie muss auch ich eine neue Balance finden, da sein, für mich, für andere und meinen Teil leisten für die kommenden schwierigen Diskussionen und Entscheidungen in unseren Gemeinschaften.