Homo sapiens terretris amans

Liebe Djamila, vor meinem inneren Auge sehe ich dich im Wasser gleiten, mit kraftvollen, sanften Paddelschlägen. Ich sehe dich anlanden, auf der Erde liegen, an einem Feuer sitzen, zusammen mit dem Sand, den Tieren, den Bäumen, wohl auch mit den Wolken, der Sonne und den Sternen. Ich spüre deine Bewegungen förmlich, so wie wir Menschen das eben (noch?) können; körperlich sinnlich das miterleben, was wir sehen oder denken und uns vorstellen. Und dabei wünsche ich, dass du und mit dir die Welt, dass ihr in diesen Momenten liebevoll gehalten seid, mitsamt dem Fassungslosen. Und dann freue mich auf die Geschichte, die sich aus diesem stillen Dialog wohl erzählen will. Jede Geschichte, die einen Unterschied macht, zählt.

Dieser Tage erreichen mich von vielen Richtungen Stimmen der Traurigkeit, des Zweifels, des Mangels an Hoffnung. Es ist uns nicht zu verdenken, ist doch das konzentriert und gesammelt bleiben, in diesem Strom von immer sichtbarer werdenden weltenumspannenden prä-, peri und postcoronalen Tetralemmata, anspruchsvoll. Es ist, als ob sich viele fragen, was Anja Vollmer im Briefwechsel mit Adolf Muschg in der Zeitschrift Republik unter dem Titel: Ohnmacht in Kraft verwandeln, wer suchte nicht danach, so zur Sprache bringt: https://www.republik.ch/2020/04/20/lieber-adolf-ohnmacht-in-kraft-verwandeln-wer-suchte-nicht-danach)

"Das ist es, worüber ich zurzeit nachgrüble. Wie bereiten wir uns – in Sanftmut und Unerschrockenheit – auf jenes Momentum vor, wenn die grössten Schrecken der augenblicklichen Katastrophe vorüber­gegangen sind, wenn das Leben einen Augenblick verharrt? Wird die Weltgemeinschaft eine andere Wegrichtung einschlagen, wird dann «nichts mehr so sein, wie es war», wie alle jetzt eilfertig behaupten? Oder wird sich das dominante westliche Lebens­modell dann nur noch mehr beschleunigen in der alten katastrophalen Entwicklung des gewalt- und machtgesteuerten Anthropozäns, des «letzten Erdzeitalters», wie Du schreibst, mit seinen ungebrochenen Allmachts­fantasien? Mir scheint, das ist durchaus offen, unentschieden bis jetzt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob unsere Kraft, auch das intellektuelle, strategische und humanitäre Vermögen, ausreicht, die Entwicklung im entscheidenden Moment danach in die richtige Richtung zu bewegen."

Wird unsere Kraft, unser intellektuelles, strategisches und humanitäres Vermögen ausreichen?
Oder auch: Welche Kraft, welches intellektuelle, strategische und humanitäre Verständnis wird sich als wirklichkeitsbildend herausstellen?
Wird der Homo sapiens-arrogans sein automatisiertes Bild von Menschheit und Menschlichkeit je in Frage stellen?
Wird er sich selbst zusammenbrechen lassen?
Werden wir, die in uns wohnenden Homo sapiens-terrestris-amans (wieder?) entdecken und wirklich ins Spiel bringen können?
Und werde ich, werden wir, die Kraft haben, zu mitzuwirken, dass zumindest amans and arrogans und noch ein paar mehr, also mehrere Lebensentwürfe, mehrere Kulturen leben können? Werden wir die Kraft haben, aus Ohnmacht Kraft zu entwickeln?

Wenn ich heute sehe und lese, wie die letzten noch nicht ganz "zivilisierten" Völker und mit ihnen ihre "Erde" gnadenlos verkauft und einmal mehr über den missionarischen Weg konkret viral bedroht werden, wie die Erwärmung der Erde ja letztlich die Ärmsten verschmoren lässt während die Reichsten die Erde vom All aus melken wollen und wie wir in den sogenannt reichen Weltgegenden gerade (mit grosser Wahrscheinlichkeit) in eine postnotständische politische Schlammschlacht eintauchen, dann ist mir schon lange nicht mehr wohl.

Wenn ich jetzt aber draussen die Grillen zirpen höre und die Vögel zwitschern, dann weiss ich, dass es sich lohnt, hinzuhören. Und hinhörend wird sich zwischen uns eine Sprache bilden, die zu dieser Erde passt. Und mit ihr werden wieder neue Geschichten kommen. Und wir werden sie einander erzählen können und miteinander lernen. Und das lohnt sich. Weil jede Geschichte, die einen Unterschied macht, zählt.
Alles Liebe von Habiba

* Die Begriffe Homo sapiens-arrogans, Homo sapiens-amans amans habe ich aus unveröffentlichen Manuskripten  zur Cultural Biology von Humberto Maturana und Ximena Davila entlehnt. Siehe auch Matriztica Institute, Chile.
Sie haben mich zum Begriff Homo sapiens terrestris amans inspiriert. Danke.