Meine persönliche Corona Erfolgsgeschichte

Plötzlich sind wir alle zu Hause…Meine drei Kinder und ich und unsere 2 Katzen und Schildkröten und Wachteln. Nun, jetzt könnte man oder Frau annehmen, wir wohnen in einem grossen Bauernhaus mit ganz viel Auslauf…Das wäre unser Traum. Nein, leider ist es sehr eng bei uns. Ich schlafe im Wohnzimmer, damit alle drei Kinder ein Zimmer haben. Wobei das Zimmer von Rija gerade mal Platz hat für ihr Bett…Die Wohnung ist dennoch schön und heimelig. Ich schlafe direkt neben dem Cheminée…

Die Freude der Kinder, nicht mehr in die Schule zu müssen, war sehr gross. Die zwei grösseren, Rija fast 16 und Mika 13 genossen es rumzuhängen und Ronja und ich starteten unsere langersehnten Projekte, wie frische Kräuter sammeln und verarbeiten, Kleider nähen, Kaulquappen aufziehen usw.
Leider ging es nicht lange gut mit dem Frieden…Unruhe kam auf, Frustration, zu wenig Platz, wer kocht jetzt schon wieder??? Ich versuchte Struktur zu schaffen, Frieden herzustellen, Pflichten zu delegieren, auszurufen…

Rija ging das zu weit: sie packte ihr Bündel und zog kurzerhand zu einer Freundin. Das gab uns ein wenig Ruhe…Zwei Tage später stand sie wieder hier und fragte ob es bei uns was zum Essen gäbe…Sie meinte, bei ihrer Freundin würden sie auch nur streiten und Struktur gab es dort für sie doch zu wenig. Das freute mich natürlich. Wir waren wieder komplett…und was dann passierte, ist echt eine Erfolgs Corona Geschichte…

"Mami, ich koche heute!" sagte Mika spontan. "Was wollt ihr? Ich gehe einkaufen.“ " Oh, kann ich dir helfen?" ruft Ronja.  So zauberten sie ein Mittagessen und noch eins und noch eins. Sie suchten Rezepte heraus und erfanden Desserts und grossartige Menüs…Rija entpuppte sich zur besten Coiffeuse…Ronja bekam Fransen und Mika einen kecken Kurzhaarschnitt. Wir alle liessen uns überreden unsere Haare mit Henna zu färben. So entstand unser neuer Coiffeursalon à la Rija…Sogar mir hat sie nun heute die Haare geschnitten…
Ronja hat mittlerweile begonnen sich Guittare spielen bei zu bringen und spielt schon ganze Lieder. Daneben übt sie sich weiter im Stepptanz und spielt ihre Perkussionsinstrumente. Aber das ist noch nicht genug, sie will auch noch Spanisch lernen… Und natürlich sind wir immer Teil davon, dürfen Zuhörer und Zuhörerinnen sein… Mika kocht so gerne. Viele Male sind wir in den Wald gegangen und haben gemeinsam auf dem Feuer gekocht. Danach entwickelte Mika ein Stabkampfspiel und wir mussten unsere eigenen Stäbe schnitzen und verzieren.

Also, was ich so spannend finde, an dieser Zeit zu Hause…Die Gemeinschaft Familie verteilt neu ihre Aufgabenbereiche.

Jeder tut genau das, was er gerne macht und es funktioniert, wenn Mutter auch wirklich loslassen kann und auch beginnt ihre Sachen zu machen, die sie gerne macht…Es ist für mich so faszinierend zu sehen und wirklich mit zu erleben, wie früher oder auch jetzt eine Gemeinschaft funktioniert, so richtig im Alltag. Das macht mich so unheimlich glücklich und äusserst zufrieden…Genau so zu Leben, mit einer grösseren Gemeinschaft…es beglückt mich unendlich und ich spüre genau, wie dieses Glück war, früher bei unseren Urmenschen…dann ist sie wieder da, meine Urmenschin in mir und dieses heilsame Erinnern…(vielleicht haben Ronja und ich auch komische Kräuter gefunden und meine Seligkeit ist jetzt Ausdruck von den Wirkungen der Kräuter) Hihi, haha

Es braucht Zeit und Vertrauen aber es fügt sich wirklich. Jede und jeder zeigt und lernt dem anderen. Man arbeitet so nahe zusammen, dass es Situationen gibt, wo man nicht mehr weiss, wer für wen was macht. „Ah, du musst eine Tabelle am Computer machen? Ich kann das, ich mach das gerne für dich“ usw. und plötzlich war da Raum für mich, um mich meiner Trauer zu widmen, ich wollte mich mit dem Leben und dem Tot beschäftigen. Jetzt hatte ich Raum…

Natürlich frage ich mich auch in meinem Prozess, wie haben das die Menschen früher gemacht. Wie sind sie mit dem Tod umgegangen? Ich denke wohl, der Tod war noch nicht so vom Leben abgespalten wie wir Menschen das heute tun…Ich denke, es gehörte wohl einfach dazu…Wie haben die Menschen damals getrauert? Hatten sie eine Verbindung zu den Toten? Gab es damals, schon den Gedanken in den Menschen, sich den Freitot auszusuchen? Kann ich mir nicht vorstellen…

Ich erlebe in diesen Tagen, Trauer neu…Trauer beinhaltet das Wort traurig sein… Aber ich laufe durch den Wald und erlebe den Prozess des Trauerns als beglückend…was ist da mit mir los? Diese unendliche Freiheit, wenn man einen Menschen loslassen und gehen lassen kann. Wenn man einen Menschen sterben lassen kann. Dann ist er plötzlich wieder da, ganz nah wahrnehmbar.

So fliesst natürlich auch meine Art der Verarbeitung und des Auseinandersetzens in die Familie…es wird ruhiger. Ich sehe wie Ronja mit Martins Stiften Bilder malt und sie sorgfältig in einem Ordner ablegt. Ich sehe Rija, wie sie wieder Kontakt mit Martins Jungs aufnimmt und das Foto von Martin auf ihr Pult stellt. Ich sehe Mika wie er wieder in seine Kraft kommt und sich dem männlichen widmet…

Es ist schön, soviel Raum und Zeit zu bekommen und es ist auch schön, sich den Raum und die Zeit nehmen zu können. Und es sich zu erlauben, in einer solch verrückten Zeit, wo es um Solidarität gehen soll…Aber da verstehe ich Solidarität ganz anders und darum nehme ich mir die Frechheit heraus, es ganz egoistisch unsere Corona Erfolgsgeschichte zu nennen…

Wie werden die Kinder wohl, ihre Corona Geschichte weitererzählen?