Mensch ist das traurig

Angenommen, Du begegnest einem Löwen in der Wüste. Wie kann man den einfangen? ... Ganz einfach: Man baut einen Käfig und setzt sich hinein.

Da muss man erst einmal drauf kommen! Aber richtig, ein bisschen umdenken und schon ist das Problem gelöst. Wer drinnen und wer draussen ist, ist aus dieser Perspektive ja relativ und je nach Grösse des Käfigs merken wir die eigene Begrenzung vielleicht gar nicht so sehr. Man wird sich schon arrangieren.

Seit einigen Tagen arbeite ich an verschiedenen Projekten. Da geht’s schon los: Ich arbeite an Projekten! Eigentlich arbeite ich in der Bildung und mit Menschen. Nun gut, heute heisst alles Projekt. Ich arbeite jedenfalls für 4 verschiedene Auftraggebende und in ganz unterschiedlichen Rollen. Das klingt spannend. Das war es auch einmal. Jetzt spannen vor allem meine Nackenmuskeln. Ich sass während all dieser Arbeitstage am selben Platz in meinem Homeoffice: kein Raumwechsel, kein menschlicher Kontakt, keine Berührung, immer der gleiche Geruch, die gleichen kleinen Wege, keine unnötige Störung durch Bürokolleg*innen. So produktiv war ich schon lange nicht. Aber auch nicht so traurig, innerlich gleichgültig und äusserlich gemütlich. Kein Lachen, keine überraschenden Besucher, kein fremdes Parfum, kein Niesen und keine nette Geste meines Kollegen, der mir einen Kaffee mitbringt. Keine morgendliche Frage nach dem Dresscode, kein Ärger wegen eines falsch reservierten Raums, kein Mensch der mir zu nahe kommt und keine Vorfreude aufs Heimkommen. Ich bin ja schon da.

Mir fehlt alles was weniger genormt ist, als dieser Computer hier, die Telefonmeetings, der Posteingang. Mir fehlt Vielfalt und Störung – so kann ich nicht originell denken. Und auf lange Sicht auch nicht leben.

Offenbar gehöre ich mit 44 jetzt schon zum alten Eisen, zu denen die täglich einmal jammern, dass früher alles besser war. So what, ein bisschen frühreif war ich schon immer. Ich stehe auf Analoges. Ich kann zwar gut umgehen mit all diesen digitalen Wundermaschinen aber ich mag nach wie vor von einem Blatt Papier lesen (und es danach zerknüllen ;-), die Menschen die ich treffe beim Handschlag berühren und sie mit allen Sinnen wahrnehmen, nicht nur mit Augen und Headsetohren. Meine Nase und mein Brustkorb wissen am besten hinzuspüren, was hinter dem Gesprochenen bei meinem Gegenüber ist, aber die sind stillgelegt. Ich habe Angst dass meine Vorstellung von "normal" und "lebendig" bald nur noch eine verklärt-romantische Nostalgievorstellung ist.

In der schweizerischen Fachzeitschrift für Beratungspersonen setzt man sich diesen Monat auch mit der Frage von Online-Beratungen auseinander. Ich habe sie voller Hoffnung aufgeschlagen weil ich mir sicher war, dass neben einem aktuell üblichen "Pro"- auch eine starke "Contra"-Physical-Distancing-Stimme zu lesen sein wird. Im Minimum hatte ich eine Gegenüberstellung erwartet. Aber hier wird schon mit Selbstverständlichkeit die neue Zeit konstatiert. Matthias Varga von Kibed, ein bekannter der Aufstellungsszene, stellt fest: "Systemische Strukturaufstellungen lassen sich sogar dann online durchführen, wenn der Klient und die Repräsentanten alle an verschiedenen Orten sind." Split-Screen und Facetracking sind hier seine technischen Helfer. Sie ersetzen Raum- und Resonanz- und Wahrnehmungsphänomene offenbar gut genug für ihn. Für Professor Hansjörg Künzli, vom Psychologischen Institut der ZAHW, "steht ausser Frage, dass Online-Beratung gleich gut wirkt wie Präsenzberatung. Mehr sogar, Präsenzberatung braucht es im Prinzip nicht mehr."

Ich bin seit Tagen grantig und ungehalten, genervt und ein bisschen ungerecht. Dabei fehlt es mir hier an nichts, im Gegenteil, mein Leben ist komfortabler als sonst. Und schliesslich haben wir den Löwen gebändigt.

Aber meinem gegenwärtigen Sein fehlen die Lücken, die Fehler, das Ungereimte, die Schwierigkeiten, das Überraschende. Ich meine keine Emails, die ungefragt hereinflattern: Ich meine mein Stolpern am Coop-Eingang und der Junge, der meine wegrollenden Äpfel aufsammelt. Ich meine das Herzklopfen, wenn ich einen Raum betrete, in dem mich 25 Studierende gespannt erwarten. Ich meine die aufkeimende Wut, wenn ich wahrnehme, dass mir jemand absichtlich die Tür vor der Nase zugemacht hat. Ich meine die Scham, wenn ich aus Versehen hörbar furze im Meeting. Ich meine die Freude, wenn ich sehe, dass ein Mensch mich anlächelt. Ich meine die Verbindung von Mensch zu Mensch in einem Raum. Ich meine die Liebe.

Pause.

Hier wäre jetzt eine Kurve schön, ein Ausblick, ein Hoffnungsschimmer. Ein Hinweis darauf, dass ich täglich Menschen treffe, die digitale Arbeit nicht meinen ganzen Tag füllt, dass ich den Terreirogarten um die Ecke habe, in dem drei Lärchen meine Freunde sind, dass ich im Wald bin so oft es geht und immer wieder im Fluss bade und den Wind sehnsüchtig atme, wenn ich vor die Tür gehe. Und dass dort auch Unkraut wächst, was ich mit Freude ausreisse, sitzend, am Boden und mit den Händen voller Lust in der Erde wühlend. Und dass all das meinen Körper Leben spüren lässt. Aber ich bekomme die Kurve gerade nicht. Die Traurigkeit will heute mal ganz gesehen sein.

 

Der Panther
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Rainer Maria Rilke, 1902