Munama 1

Ich gehe unter dem tiefblauen Frühlingshimmel die schon seit Jahrhunderten mäandernde Alte Bergstraße hinab, rieche den Duft der Luft und genieße die Leichtigkeit meiner Schritte in einem jetzt gerade ungeteilten Raum. Es ist stiller als Sonntag und man merkt es dieser Stille an, dass sie nicht natürlich ist. Wobei: Was ist natürlich? Ist es das, was ohne Eingreifen, aus sich selbst heraus geschieht unter Beteiligung der Natur?
Ich schaue im Duden nach, unnatürlich online natürlich.

a) Zur Natur gehörend, in der Natur vorkommend, nicht künstlich vom Menschen nachgebildet/hergestellt.
b) sich aus den Gesetzen der Natur ergebend
c) dem Vorbild der Wirklichkeit entsprechend

Ist nun diese menschenbereinigte Stille an einem Mittwochmorgen natürlich? Es kommt mir nicht so vor. Und in diesem Moment wird mir einmal mehr bewusst, dass wir herausgetreten sind oder herausgebeten wurden aus einem Kontinuum, das uns schon zunehmend unnatürlich erschien. Und ich würde mich jetzt gerne in etwas hineinschmiegen, das ich mit ganzem Herzen und vertrauensvoll als natürlich annehmen kann. In eine Welt, die in Ordnung ist, weil sie gesund ist. Wann ging sie verloren, diese Welt? Ich sprach neulich mit einer Freundin darüber und sie sagte, dass die Welt noch nie in Ordnung war. Meine schon, zumindest glaube ich, dass es in meiner Kindheit und frühen Jugend so war. Jetzt in diesen Tagen habe ich manchmal Flashbacks, denn diese entschleunigte Welt, der friedliche Himmel, die wenigen Autos, all das erinnert mich an diese früheren Jahre meines Lebens. Mit meinem weitgehend erwachsenen Denken ist mir natürlich klar, wie subjektiv dieses Heile-Welt-Empfinden ist. Das Zusammenspiel von Mensch und Natur und vor allem auch das des Menschen mit sich selbst ist ein liebevolles, schöpferisches, aber auch angstvolles, zerstörerisches und brutales Beziehungsgeschehen.

Ich trete durch das Stadttor auf den Markt. Dort sind Menschen, dort ist endlich wieder normales, natürliches Leben. Aber nein, der Schein trügt. Ein seltsames Bild bietet sich mir dar. Einen Moment lang bleibe ich stehen und beobachte das Szenario. Es ist, als hätte sich hier eine Schar von Menschen eingefunden, die aus der Perspektive eines unvorbereiteten Beobachters einen seltsamen Tanz inszenieren. Sie stehen mit großen Abständen in Reihen, vielen von ihnen haben vermummte Gesichter und gehen in nur kleinen langsamen Schritten voran. Wenn sie ihre Position verändern und sich aus der Reihe lösen oder wenn ein weiterer Mensch in ihre Nähe kommt neigen sie die Köpfe leicht zur Seite wie Schwäne und machen eine angedeutete Pirouette. Das alles geschieht sehr langsam und schweigend, fast anmutig, aber auch gespenstisch. Den Rhythmus, die Musik hören sie mehr innerlich. Die Inszenierung dieser Performance ist weitgehend improvisatorisch. Die Vorgabe ist offenbar, um jeden Preis eine Grunddistanz zu wahren. Der Choreograf und Kapellmeister ist unsichtbar. Winzig klein und kugelrund setzt er dem Menschen, der sich gerne als die Krone der Schöpfung sieht, sich selber auf den Kopf. Er macht, dass wir kollektiv um unser Leben und um unsere Handlungsspielräume im Gesundheitswesen fürchten.
Das lässt uns Menschen in den Krieg ziehen. Das ist eine Bedrohung, die es zu bezwingen gilt. Und wenn wir glauben, den Kampf gewonnen zu haben, dann werden wir versuchen, diese mutierte Gottheit klein zu machen. Wir werden aus ihm vielleicht Christbaumkugeln, Wurfbällchen und Rasensprenger machen und wir werden diese Epoche auswerten, Bilanz ziehen, zu unseren Gunsten natürlich. Aber jetzt sind wir noch mittendrin und die Welt hält gerade die Luft an.
Schon erstaunlich, wie schnell ein System herunterfahren kann, dessen Abläufe zuvor für so unumstößlich gehalten wurden. Dieses und jenes musste genau so und so und in dieser und jener Zeit gemacht werden. Werden sich diese Unumstößlichkeiten auch künftig noch so kompromisslos verkaufen lassen? Und was machen wir mit all den dunklen Flecken, die jetzt nach und nach so schonungslos entblößt werden? Ich rede jetzt nicht nur von dem großen Ungleichgewicht in Gesundheitssystemen, von den vielen Gewalttaten hinter verschlossenen Türen, von der Absurdität der Kriege, die zum Teil noch geführt werden, den ökologischen und humanitären Gräueltaten. Ich meine jetzt vor allem unsere Angst vor dem Tod und dass sie uns zu einer manipulierbaren, geduckten Herde werden lässt. Wir hören auf, unser gesellschaftliches Leben zu leben um vermeintlich unsere Lebenszeit und – was ich leider oft für verlogen halte - die unserer gefährdeten Mitmenschen zu verlängern. Das alles tun wir natürlich freiwillig und vor allem deshalb, weil wir einsehen, dass dies der vernünftige Weg ist. Und weil wir wissen oder zumindest hoffen, dass dies kein Dauerzustand ist.

Ich füge mich ein in diesen stummen Reigen und fühle die Verbundenheit in der Getrenntheit. Immer wieder schmunzeln mich Augen an, wenn sichtbar auch Münder. Ich schmunzle zurück. Und während ich geduldig in der Schlange warte (alles dauert viel, viel länger als sonst, wir haben plötzlich Zeit) geht mir wie ein Mantra ein Wort durch den Kopf. MUNAMA. Wofür könnten diese Anfangssilben, die sich zu einem Wort verbinden, stehen?

mundtot/nackt/manipuliert
mutig/natürlich/mächtig
Mutter/Natur/Materie

Ich weiß es ja schon. Es ist die Abkürzung für MundNasenMasken. Sie klingt fast afrikanisch. Und tatsächlich gibt es ein Dorf in Kongo an der Grenze zu Sambia, das diesen Namen trägt.

In den vergangenen Jahren waren es vor allem chinesische Gäste, die ich mit solchen Masken sah. Und immer löste dieser Anblick seltsame Gefühle und Gedanken in mir aus. Wovor hatten sie denn Angst? Bei uns war die Luft doch wirklich gut. Viel besser jedenfalls als in mancher chinesischen Stadt. Und nun waren es, so zumindest die offizielle Version, zuerst die Chinesen, die es trotz ihrer Masken erwischt hat mit diesem VIRUS.

Verzicht/Iolation/Restriktion/Uniformität/Singularisierung
verwundert/irritiert/ratlos/unsicher/schutzlos
verwandelt/immun/resistent/unbestechlich/sorglos

Gut für heute, morgen erzähle ich weiter.