Munama 2

Diese MUNAMAS, die zwar unzulänglichen aber dennoch heiß begehrten Gegenspielerinnen des VIRUS stellen wir gerade her. Meine Freundin Esther und ich wollten im Herbst mit unserem Wertstoff-Couture Label und unseren Mänteln aus Kaffeesäcken und 2nd Hand Textilien nachhaltig auf einem großen Textilmarkt in Bayern durchstarten. Jetzt haben wir bereits im Frühjahr und innerhalb kürzester Zeit unsere Firma gegründet, haben einen GbR Vertrag, eine Steuernummer, ein Bankkonto, eine Webseite. Da ich nicht sehr gerne mit dem Mainstream treibe war ich zunächst dagegen, uns in die Schar der maskennähenden Hobbyschneiderinnen einzureihen. Mein Bild dazu: Während die Männer „in den Krieg ziehen“, sitzen sie brav zu Hause und tun, was zu tun ist. Handeln vorzeigbar korrekt und sozial einwandfrei…

Wir wissen, dass es auch an Maulkörbe erinnert, was wir da nähen. Wir haben bereits Ideen, wie sie weiterhin genutzt werden können als Gürtel, Täschchen, Haarbänder. Anfangs nannten wir unsere Werke Mund-Nasenschutzmasken. Anwälte begannen, Jagd auf die selbsternannte Rettungszunft der Näherinnen zu machen und sie mit zum Teil hohen Beträgen abmahnt, wenn sie das Wort „Schutz“ verwenden. Das vorgegebene Wort „Behelfsmaske“ kam selbstverständlich nicht in Frage. Wir hatten sie ohnehin schon umgetauft auf MUNAMA. Und diese Treibjagd nimmt mich bereits wieder ein für diese patente, pragmatische Frauenschar. Natürlich fühlen wir uns dennoch nicht zugehörig. Wir wollen ja Künstlerinnen sein.

Welcher Regisseur auch immer da am Werk ist, er hat uns in einem spannenden Moment einen sehr großen Lagerbestand aus zum Teil jahrzehntealten Stoffen zugespielt. Die letzten Kartons haben wir noch nach dem Shutdown abgeholt. Das Timing könnte also nicht besser sein. Immerhin können wir jetzt einige dieser Stoffe gut gebrauchen und auch andere Materialien, die momentan schwer zu bekommen sind. Wir machen sie bunt, individuell, ausdrucksvoll und schön. Und wir sind zusammengerückt. Esther und ich zusammen von früh bis spät an den Nähmaschinen. Bei aller Produktivität, die ja auch eine Ablenkung ist, haben wir viele emotionale Momente, in denen wir lachen, weinen und zum Teil auch angespannt sind angesichts der Bewegungen unserer Zeit. Abends kocht Marc, mein Freund, uns das allerbeste Essen. Er hat sein Apothekenteam aufgeteilt und arbeitet jetzt im Block. Er liebt es zu kochen, man könnte sagen, dass es seine Art der Kunst ist und mehr und mehr genießt er seine freien Tage. Eine Woche ist er zu Hause, eine Woche „an der Front“. Auch er und ich sind zusammengerückt. Er wohnt vorübergehend bei mir und ich finde es wunderschön mit ihm, genieße es, mein Haus, das ja sonst ein B&B ist, zumindest für eine Weile wieder ganz frei nutzen zu können. Und meine finanziellen Sorgen halten sich dank der Einnahmen aus dem Maskenverkauf in Grenzen. Mein eigenes kleines Leben ist also tatsächlich sehr besonders und sehr schön im Moment, solange ich nicht auf den Erdball zoome. Dann wird es zu einem winzigen, funkelnden Pünktchen in einer Welt, die wie von einer mit einem großen C versehenen Flagge verhüllt ist und an deren ureigene Diversität wir uns unbedingt erinnern müssen. Ersetzen wir das C-Wort, das jetzt auf der Flagge steht durch Community. Was diese Zeit uns auch lehrt: Wir sind verbunden, ob wir wollen oder nicht. Kunst, Musik, Momente in und mit der Natur, Gespräche mit den Menschen, die uns etwas bedeuten, schöpferisches Wirken. Das sind die Vitamine, die wir im Moment vor allem brauchen. Keine Religion hat es bisher geschafft, die Menschheit so zu fokussieren. Wir reden miteinander fast über nichts anderes und ich musste anfangs sehr aufpassen, das in unsere Gedanken katapultierte C-Wort nicht zu meinem ersten und letzten Gedanken des Tages werden zu lassen.

Während ich jetzt, den Korb voller Gemüse, Brot und Eiern die Türe öffne, frage ich mich, ob ich überhaupt Lust habe, mein Haus wieder für den Gästebetrieb zu nutzen. Vielleicht wird es ja ein Atelierhaus, eine Arbeits- und Begegnungsstätte für Recyclingkünstler, ein Heim für Marc und mich zusammen, ein Altersruhesitz für meinen Vater, ein WG-Haus. Es schlummern bereits einige Visionen in mir. Aus dem Kontinuum mit seinem dichten Gewebe herausgelöst bekommen sie nun Raum und werden größer und bunter. Mein Haus und ich sind bereit für die Veränderung, besonders wenn sie natürlich und liebevoll geschehen mag. Für alles andere fühle ich mich gewappnet. Ich habe keine Angst und ich wünsche mir, dass auch unsere MUNAMAS das ausstrahlen. Wenn schon diese Auflagen für unsere Bewegungen in der Gesellschaft, dann mit Freude und Diversität. Schutz auf diese Weise erlangen zu wollen ist ohnehin eine Illusion. Ich weiß, dass es gerade Menschen gibt, die sich durch Hochsicherheitsvirenbekämpfungsmasken schützen, ihr Haus kaum noch verlassen, sich alle Informationen aus dem Netz holen, die sie über das Virus bekommen können und sich trotzdem nicht sicher fühlen. Schutz finden wir also eher in einem innerer Raum als durch eine äußere Abgrenzungsmethode.

Auch für unsere Welt habe ich Visionen, die nun noch stärker und bunter werden. Ich frage mich schon, wie ernst wir die Sache mit dem Konstruktivismus nehmen sollten. Seit ich denken kann, ist die Wettervorhersage mit Wertungen versehen. Regen und kalt ist schlecht, Sonne und warm ist gut. Nun haben wir sehr viel, zu viel das Wetter, das wir uns immer gewünscht haben. Wie viele Menschen haben sich in den letzten Jahren, Jahrzehnten gewünscht, einmal aus ihrem Trott ausbrechen zu können. Einmal durchzuatmen, Zeit zu haben. Auch dieser Wunsch geht jetzt für viele in Erfüllung.

Dann könnte es ja vielleicht doch klappen mit meinem Wünschen für die Welt. Aber diesmal bitte ohne Risiken und Nebenwirkungen.

Herzlich will kommen!