Noch mal Schwein gehabt

Für die germanischen Völker war das Schwein, also genauer der Eber, noch ein heiliges Tier. Als ein Symbol für Fruchtbarkeit und Stärke stand es auch für Wohlstand und Reichtum, was im Volksglauben bis heute als Glücksbringer erhalten ist und sich beispielsweise in der Redensart „Schwein“ für „Glück haben“ ausdrückt. Da Urschweine wie das Alpenschwein nicht wie die Rinder und die Schafe aus dem vorderasiatischen Raum eingeführt wurden, sondern in Europa selbst domestiziert wurden, sind sie die in Europa beheimateten, frühagrarischen Fleischlieferanten. Wie wir von Asterix und Obelix wissen, schmeckt Schweinefleisch der ersten Natur vorzüglich. Das wissen alle, die in den Genuss eines Spanferkels vom Permakulturhof kommen, oder eines» Jamón Ibérico», jenem wunderbaren Schinken, von denen einzelne Exemplare am Weltmarkt Preise von über 4000 Euro erreichen können.

Das heutige Schweinefleisch in Europa stammt demgegenüber vorwiegend von Schweinen der zweiten Natur, was sich spürbar in der Qualität des Fleisches bemerkbar macht. Dieses Schwein, von den Menschen vielfach (Arten-)ungerecht behandelt, versteckt sich oft in Würsten, wo es unsichtbar ist, wie im Falle der St. Galler Bratwurst, der Stolz jedes St. Gallers wie ich einer bin. Und so wie alle St. Galler, esse ich sie gerne zusammen mit einem Bürli (rundes, knuspriges Brot) stehend oder gehend in den Gassen der Stadt. Und wie alle meine Mitbürger betrachte ich es als eine Beleidigung, wenn Stadtfremde zu einer Bratwurst Senf verlangen. Das ist ein No-Go, weil durch die Beigabe von Senf der Unterschied zu einer anderen Bratwurst als der Original Kalbsbratwurst nicht wahrgenommen werden kann. Und weil es sich um eine Kalbbratwurst handelt, war sie auch sehr beliebt unter muslimischen Jugendlichen, bis es ans Tageslicht kam, dass diese Wurst trotz ihres Namens je nach Qualität auch einen erheblichen Anteil an Schweinefleisch enthalten kann. 

Das Schwein ist in vielen berühmten Würsten beheimatet, so im schweizerischen Wienerli (d.h. aus Wien), die in Wien «Frankfurter» heissen. Oder den Braunschweigern, die der Protagonisten in David Linch’s Roadmovie „Straight Story“, jeden Abend am Feuer brät. Würste braten am Feuer ist immer und überall beliebt, Erwachsene werden zu Kindern und entspannen sich. Es ist eine uralte Erinnerung an das Zusammensein am Feuer, mit einem gefüllten Tierdarm am Spiess. Auch der Cervelat besteht, mit Ausnahme der Haut, aus Schweinefleisch. Er ist für die Schweizer das, was die Currywurst für die Deutschen ist: die Wurst aller Würste. Jeder Schweizer Vater ist stolz darauf, seinen Kindern das Cervelat-Braten am offenen Feuer im Wald zu zeigen.

Unsere Nachbarn vom Hof „Morgarot“ haben zwei Alpenschweine. Das sind lustige Wesen. Manchmal büxen sie aus und stehlen im Garten der Nachbarn Leckereien. Einmal im letzten Winter – es drohte die erste kalte Nacht zu werden, richtete Marcel einen wärmenden Stall ein. Es wurde schon Abend, als Marcel und Manuela die Schweine auf der Weide holen gingen, um sie in den neuen Stall zu bringen. Wie sie sie so vor sich hertrieben, stoben die beiden auf einmal auseinander in schlugen sich in zwei unterschiedliche Richtungen die Büsche. So begann eine seltsame Jagd. Da es inzwischen dunkel geworden ist, und die Schweine ja pechschwarz sind, waren sie nicht mehr zu sehen und die nächtliche Jagdgesellschaft musste sie nach dem Grunzen orientieren, das immer wieder von woanders herkam. Der Jagderfolg stellte sich schlussendlich erst ein, als die Beiden von der Treibjagd zur Lockjagd wechselten und mit Hilfe von eher ungewöhnlichen Jagdmethoden wie Schnalzen, Lockrufen und Rasseln mit dem Futterkessel die Scheine daran erinnerten, dass sie halt keine Wildschweine mehr sind.