Ostermontag

Alles anders als sonst an Ostern. Ich wohne in unmittelbarer Nachbarschaft von Sankt Benno, einer riesigen neo-romanischen Kirche. In der Osternacht wird üblicherweise auf dem Platz ein kleines Osterfeuer angezündet, in das die Palmbuschen geworfen werden. Im Anschluss wandern alle in die dunkle Kirche, die schließlich in Lichtern erstrahlt, wenn der Docht jeder einzelnen Kerze in der Flamme der Osterleuchte zum Glühen kommt.

Ich gehe nicht mehr zu Gottesdiensten in die Kirche, schätze aber ihre bauliche Präsenz und habe das Zeremoniell – so ich zuhause war - gern von meinem Fenster aus beobachtet. Dieses Jahr ist alles anders – das Osterfeuer fällt aus und kurz bevor am Sonntagmorgen ein paar Minuten vor zehn das Glockenläuten ertönt, das eigentlich zur Messe rufen soll, sehe ich den Pfarrer im dunklen Anzug um die Kirche laufen, Besen und Kehrschaufel in der Hand.

Er öffnet die seitliche Tür zur Kirche und auch die große zentrale Pforte, die sonst immer verschlossen ist; nur für Hochzeitsgesellschaften und an hohen Feiertagen wird sie benutzt.

Dann fegt er die Stufen sauber, klaubt Müll vom Boden auf, ein Anblick, der mich rührt und begeistert. Er sorgt also höchstpersönlich dafür, dass seine Kirche einladend wirkt. Den ganzen Tag über sehe ich Leute neugierig schauen und zögernd hineingehen. Sie werden förmlich angezogen von dem offenen Tor.

Mir gefällt das! Auch ich gehe hinein durch das zentrale Tor und nehme erneut wahr, wie prächtig die Kirche ist, und wie gut sich das anfühlt, bei offenen Türen, ohne Zwang, ohne Programm, achtsam, Abstand haltend, sich frei darin zu bewegen. Jeder für sich, im Wissen, wie außergewöhnlich die Feiertage dieses Jahr ablaufen, und wie jede selbstbestimmt mit der eigenen Andacht umgehen kann. Als böte dies die Möglichkeit zu einem echten Neuanfang.