Sprach-Gedanken

Regnet es?
Ja, endlich. Heute schüttet es, es kübelt aus vollen Kannen. Seit Tagen warte ich darauf. Denn irgendwie scheint mir solch ein Wetter (das ich heute – weil nasskalt und mit kräftigem Wind unterfüttert – als wirklich „unerfreulich“ empfinde, auch wenn ich natürlich weiß, dass es das an sich nicht gibt. Aber für uns, für mich gibt es das recht wohl!), scheint mir solch ein (Un-)Wetter also willkommen, um endlich etwas für diesen Blog zu schreiben.

Ich arbeite – und schreiben gehört dazu (für mich als Journalist & Autor sogar ganz buchstäblich) – lieber, wenn es draußen „unwirtlich“ ist (ich habe noch viele Ausdrücke für nicht - oder eben doch ganz speziell - willkommene Wetterlagen!). Scheint die Sonne, mag ich hinaus, mag mich bewegen, was unternehmen, jedenfalls nicht im Zimmer sitzen und Sprach-Gedanken wälzen. Das fällt mir heute viel leichter, zum rhythmischen Getrommel auf dem Fenstersims.

Sprach-Gedanken, genau: Das „es“ in der Frage interessiert mich, spricht mich an. Es scheint so selbstverständlich. Was für ein „es“ ist es? Jedenfalls nicht das Freudianische, das man ja auch großschreibt. Dieses „Es“ in der etwas mechanischen, jedenfalls allzu idealtypischen Aufteilung unserer innerpsychischen Anteile, wie Sigmund F. sie erkannt zu haben glaubte (mit „Ich“ und „Über-Ich“ als den beiden anderen Anteilen bzw. Instanzen). Nein, es ist das winzig kleine, in der Frage kleingeschriebene Zwei-Buchstaben-Wort für das ganz Andere, das uns im Wettergeschehen im wahrsten Sinne des Wortes gegenübertritt. Es regnet. Nicht wir regnen. Da kommt schon rein sprachlich kein Missverständnis – und erst recht keine Hybris auf. (Außer vielleicht bei jenen, die sich für „Regenmacher“ halten – oder halten wollen…) Wir haben hier keine Verfügungsmacht. Wirkt Regen vielleicht deshalb so beruhigend, weil wir nichts dazu beizutragen brauchen? – Es geschieht einfach. Etwas, das uns in anderen Zusammenhängen zwar auch als erstrebenswert vorgestellt wird („Lasse es geschehen!“), womit wir aber meistens unsere lieben (und nicht so lieben) Probleme haben.

„Wer weiß zu scheinen? Wer vermag zu regnen?“, fragt, wie wir – im Anhang zu Konstanzes Blog – erfahren, Rilke. Der sprachsensitive Dichter war also auf genau derselben Spur. Sehr schön.

Was will sich erinnern?
Bei dieser Frage ist das Gegenüber nicht mehr so klar. Welche Instanz, welche Wesenheit tritt hier in Erscheinung, indem sie sich in Erinnerung ruft? Es heißt zwar: „Ich erinnere mich (oder auch nicht)“, aber wir ahnen, dass wir auch beim Erinnern (nicht nur beim Verdrängen, wie Freud wohl zurecht annahm), nicht Herr/Dame im eigenen Haus sind. Da schiebt sich was dazwischen, tritt, jawoll, in Erscheinung. Es ist eine interessante Frage. Und ich gebe zu, sie interessiert mich als solche, also als Frage. Nicht als Anlass für eine Antwort. Und das ist für mich, beim gemeinsamen Weben dieser Wort- und Gedankenmuster, so wie Habiba es vorschwebt, ein entscheidender Hinweis. Mich interessiert die Sprache hier mehr als der Inhalt. Ich werde mein Augenmerk daher – vielleicht, man wird sehen – vermehrt darauf richten: Auf die Art des Fragens, die Art des Antwortens, die Art an sich. Das ist, wie ich finde, eine schöne, zumindest mir angemessene Regen-Beschäftigung. Bei Sonnenschein („wer weiß zu scheinen?“) weiß ich mir Besseres. 

Foto:
Küstenstimmung in Mosambique