Vom Erzählen mit dem Fluss

Ich bin klausur-erprobt. Es entspricht meinem Wesen und ist auch eine berufliche Notwendigkeit. Einen Film zu montieren braucht oft Wochen der beinahe ausschließlichen Aufmerksamkeit, des ruhigen Gesprächs mit Bildern, Erzählungen, Text und Musik. Zugleich bin ich erfahren darin, freie Zeit zu haben. An einem Mittwoch Vormittag durch den Wald zu streifen oder in einem Straßencafé zu sitzen, zu schauen, zu hören und die Gedanken fließen zu lassen, ist mir wichtiger Alltag. In gewissem Sinn kommt mir die Welt zur Zeit also sogar mehr als sonst entgegen. Bin ich weniger fremd als oft, auch im Kreis mancher vielbeschäftigter Freund*innen und Kolleg*innen, die gerade begeistert von ihrer Entschleunigung erzählen (und auch da manchmal Fahrt aufnehmen ;-))

Und ich liebe den frühen Morgen, gleich ob Krise oder nicht. Auch der Morgen bietet einen freien Zeit-Raum. In ganz anderer Qualität als der Abend.

Jetzt ist es 6 Uhr, ich sitze am Bett, die Kaffeetasse neben mir, das Laptop auf dem Schoß und möchte diesen Text beginnen.  Das erste Mal in diesem Jahr waren die Fenster auch über Nacht geöffnet, angenehm frisch ist es jetzt und von der Küche her höre ich lebendiges Vogelgezwitscher. Die Spatzen (Sperlinge) lieben den Rosmarin und Thymian vor meinem Fenster. Das ist allerdings neu. Sie hocken zu zweit oder zu dritt da im Kistchen und ernten Kräuter. Selbst bei den Zoom Treffen der letzten Tage waren sie für alle hörbar mit dabei.
Gestern wollte ich sie filmen und den Clip meiner Tochter schicken. Doch ich eigne mich ganz offensichtlich nicht zur Tierfilmerin. Ich hätte schon Geduld, aber dann suche ich nach einer noch besseren Position und - weg. Und wieder. Mir fehlt die richtige Strategie. Es gibt kein Bild von meinen Freunden, den Spatzen. Dafür gibts einen ausgiebigen Lachanfall von Magdalena und mir beim Erzählen und immer weiter Imaginieren dieser Geschichte. Die halbe Welt haben wir bereist, gemeinsam und mit innerer Kamera sind wir wilden Tieren begegnet und auf riesigen Bäumen gesessen.

“Es ist eine ernste Sache mit dem Humor.” schreibt Ulrich Kasparick, Gründer des Klimaschutz-Netzwerks für-unsere-enkel.org. Ich stimme aus ganzem Herzen zu und ergänze - “Es ist eine ernste Sache mit den Geschichten”. Habiba hat vor einigen Tagen einen Artikel der NZZ geschickt. Ein Gespräch mit dem Kulturphilosophen Robert Harrison über die beste Stärkung unseres Immunsystems: das Storytelling. Harrison spricht über Giovanni Boccaccios “Dekameron”, eine Geschichte aus der Zeit der schwarzen Pest im Jahr 1348. Sieben Frauen und drei Männer ziehen sich auf ein Landgut zurück und erzählen sich 100 Geschichten, um das menschliche Leben zu feiern und die Pest zu überleben. Es gelingt.

Der Schriftsteller Paolo Rumiz schreibt in einem wunderbaren Text “Wir mutieren” aus seiner Klausur in Triest - “Ich häute mich, das erkenne ich an den Gedanken, die so schnell sprudeln, dass ich sie fast nicht niederschreiben kann. Mein Geist läuft auf Hochtouren, obwohl ich festsitze. Ich habe schon alle meine Notizbücher vollgeschrieben und kann keine neuen kaufen. Ich verwende alte, bereits beschriebene Blätter, die ich vierteile und auf der Hinterseite vollschreibe.”

“Es ist zu viel Gegenwart” bemerkt hingegen der Kabarettist Hosea Ratschiller. - Was für eine spannende Formulierung. - “Seit ich erwachsen bin, hatte ich noch nie so wenig Zeit für Denken, Lernen, Schreiben. Wahrscheinlich habe ich deshalb das Gefühl, dass die gescheiten Texte, die gerade über die gesellschaftlichen Auswirkungen von Corona erscheinen, allesamt übersehen, was für ein enormes Privileg die Abstraktion war, die europäische Vernunft so lange geprägt hat. Wir werden jetzt konkret. Und Denken, Lernen, Schreiben wird wieder eine Frage des Kontostandes.”

Vielleicht ist, neben dem Journalismus, die Poesie die Sprache so einer Zeit, denke ich mir. Damit meine ich jetzt nicht Gedichte, sondern Poesie im Sinne von Texten, die mehr finden als erfinden, die mehr das Gespräch führen, als (meinen zu) erschaffen, die mehr vom Verlernen sprechen als vom Lernen, die lauschen und erinnern. Das wäre dann verwandt einem phänomenologischen Lesen von Zeichen in der Natur und dem Antworten darauf. Das wäre sich verwandeln lassen.

Manche meiner persönlichen Erfahrungen in diesen Wochen sind dergestalt, spielen in solchen Räumen. Die zentrale Geschichte ist dabei wohl mein Gespräch mit dem Fluss, an dem diese Stadt sich niedergelassen hat.

Als ich mich vor zwei oder drei Tagen in der Früh aufs Rad geschwungen habe, hab ich gemerkt “Oh! Du bist jetzt in der Zeit gereist. Wie alt bist du gerade?” - “Acht oder neun” war die Antwort. So sind wir zum Fluss, ich und ich. Und dort habe ich mich, gestützt von einem Felsen, die Füße im Sand an meine Kindheit erinnert, in einem vorstädtischen Viertel, damals weit weg vom Fluss. Gut war es dort. Frei war es dort, viele Brachen zum Spiel, der Wald nah. Und eng war es dort. Viel Traurigkeit, Trauma, Kriegs- und Nachkriegsgrau noch in den Träumen und Herzen der Erwachsenen. Grau war auch der Fluss, und stinkig. “Wenn du ein Stamperl (kleines Glas) Murwasser trinkst, bist du tot!” - diese Warnung ist Teil der kollektiven Erinnerung mehrerer Generationen hier. Na dann natürlich nicht zur Mur, wär ich ja schön blöd.

Die erwachsene Journalistin hat gestern recherchiert - 1975 war die Verschmutzung der Mur auf dem Höhepunkt, der Fluss beinahe tot, verursacht durch die Abwässer aus den Papier- und Zellstofffabriken am Oberlauf der Stadt und weitere gewerbliche, industrielle und kommunale Abwässer. 1975 war ich neun Jahre alt.

Erst 1985 wurden im Rahmen eines “Murgipfels” ernsthafte Sanierungsmaßnahmen begonnen, die Industriebetriebe verpflichtet, Abwasserkreisläufe zu schließen und biologische Anlagen zu errichten. Da war ich 19. In den 1990er Jahren hat sich die Wasserqualität deutlicher verbessert, seit 2000 wurde die Mur dann nie unterhalb der Güteklassen I–II bzw. II eingestuft.

Ich liebe Flüsse, doch von diesem Heimatfluss habe ich mich emotional beinahe mein Leben lang ferngehalten. Das hat sich im Grunde erst geändert, als es vor zwei Jahren darum ging, ein Prestigeprojekt des Bürgermeisters und seiner Seilschaften zu verhindern - ein Kraftwerk (mittlerweile in Betrieb) und diverse Freizeitangebote.

Seit einem Jahr wohne ich nun ganz nah am Fluss, am innerstädtischen Augarten. Jeden Tag radle, spaziere und sitze ich in diesen Tagen der Klausur an der Mur. Das ist vielleicht nicht legal -  es gibt noch immer Absperrungen wegen der Neugestaltungen des Uferbereichs und auch das Covid-Maßnahmengesetz regelt nicht zweifelsfrei, ob ein Flussufer ein “bestimmter Ort” im öffentlichen Raum ist, für den ein Betretungsverbot gilt. Das kümmert uns nicht, den Fluss und mich. Wir sind in Kontakt, berühren einander, erzählen einander und ab und zu trinke ich eine Handvoll Wasser aus der Mur. Das stärkt das Immunsystem.