Weckruf

Seit rund vier Jahrzehnten unterrichte ich im Kanton Zürich auf der Kindergartenstufe. Mittlerweile frisch pensioniert, noch als Vikarin tätig, ist es mir  ein grosses Anliegen die Beobachtungen und Erfahrungen während der Corona-Halbklassen-Zeit vom 11. Mai bis 5. Juni 2020 in eine Diskussion einfliessen zu lassen.

Der Halbklassenunterricht war eine grosse Bereicherung.  Obwohl die Schüler und Schülerinnen (SuS) bedeutend weniger Unterricht hatten, profitieren sie mehr als in überfüllten Ganzklassen von 25 / 26 SuS in einer Klasse.
Ab 18 SuS zählt jede SuS doppelt.

Einer Gruppe von 12 SuS kann eine Lehrperson gerecht werden. Bei einer Klassengrösse von mehr als 18 SuS sollten immer zwei ausgebildete LP`s anwesend sein (Teamteaching).

Der Kindergarten Raum entspricht einer Klassengrösse von 12 - maximal 18 SuS heutzutage.
Mit der Einführung der Blockzeiten wurde es versäumt Raum- und SuS-Zahlen anzupassen.

Der LP21 mit der Ausrichtung auf die zu erreichenden Kompetenzen, macht mehr Sinn, findet eine direkte Anwendung und ist erfüllbar unter diesen Bedingungen.

Die gemachten Beobachtungen bestätigen, wie wichtig es auch für die Entwicklung der SuS des 1. Kindergartenjahres ist, als Gruppe alleine unterrichtet zu werden (leider abgeschafft seit Einführung des LP 21).

Die Forschung bestätigt, wie elementar wichtig Bewegung und Ausdruck sind in der Entwicklungsphase der 4-7 jährigen SuS ist (z.B. Rollenspiel).

Mit einer Halbklasse von 12 SuS und in den entsprechenden Raumverhältnissen war eine ruhige Atmosphäre gewährleistet um diesen Ansprüchen gerecht zu werden.

Auch die Lehrpersonen haben in dieser Umgebung mehr Ruhe, Gelassenheit und Musse um einen kreativen und nährend ganzheitlichen Unterricht zu gestalten, welcher den Vorgaben des LP 21 entspricht.

Nicht zu unterschätzen ist die verminderte Lautstärke im Klassenraum (Gehörschädigung ist die Berufskrankheit der Kindergarten-Lehrpersonen).

Auffallend war, dass mehr Ausdauer und Konzentration bei den SuS zur Selbstverständlichkeit wurde.

Die individuelle Spielbegleitung und Förderung konnte wahrgenommen werden.

Die Beziehung zu den Kindern ist im Vordergrund und konnte vertieft werden.
Damit ist die Grundlage aller Lernmotivation gegeben.

In diesen Ausnahmewochen konnten wir jedem einzelnen Kind mit der wünschenswerten Aufmerksamkeit gerecht werden.

Das Gestalten ausgewogener Unterrichtsformen und gezielte Förderung wurde in diesen Wochen zu einer intensiven, bereichernden und sinnvollen Alltagserfahrung.
Die Halbklasse ermöglichte nicht nur eine logistische Organisationsleistung damit einzelne Kinder berücksichtigt werden können, sondern eine gezielte individuelle Begleitung: gestalten statt reagieren stand im Vordergrund.

Ebenso konnte die Sprachkompetenz intensiver geschult werden: Hören und gehört werden, erzählen und erzählen lassen, Raum Wörter zu finden, Zeit sich sprachlich auszudrücken. All das konnte sehr sorgfältig geübt werden.

Es gab viel weniger Anlass zu Konflikten. Weniger Kinder mit mehr Spielraum sorgten für ein gutes und interessiertes Miteinander.

Die Sozialkompetenzen wurden in der Kindergruppe mit Leichtigkeit gemeinsam geübt und gemeistert.

In diesen Wochen fragten wir uns gelegentlich, ob wir in „normalen“ Klassengrössen von mehr 18 SuS auf engstem Raum nicht geradezu problematische Situationen für SuS und Lehrpersonen erschaffen?

Die Hygienemassnahmen wie richtiges Händewaschen und die Distanzregeln konnten angeleitet und reguliert werden, wie andere Verhaltensregeln in der Gemeinschaft auch.

In dieser Halb-Klassengrösse und den gleichen Räumlichkeiten ist es den Lehrpersonen möglich den Lehrplan 21 optimal umzusetzen. Es bleibt Raum den SuS individuell zu begegnen, sowie den Unterricht prozessorientiert und situativ gehaltvoll zu gestalten.

All diese Erfahrungen und Erkenntnisse wollen wir nicht vergessen!
Sie sollten die Grundlage sein für eine Schule der heutigen Gesellschaft 2020 mit all ihren Anforderungen und Chancen.

Ich habe 4 Jahrzehnte im Wandel der Kindergartenkultur erlebt. Stetig haben wir uns weiterentwickelt, engagiert und aufs Bestmögliche angepasst. Die Erfahrung in den Halbklassen lässt mich aber ganz klar sagen: Normal und sinnvoll wäre in kleineren Gruppen, sogenannten Halbklassen, auch in ganz normalen Zeiten zu arbeiten.

Ich hoffe, dass eine aktive Diskussion rund um das Thema der Verhältnismässigkeit von Klassengrösse und Raum startet.

Eine sinnvolle Unterrichtsform ist für alle zukünftigen Generationen ein unerlässliches Fundament.