Werden Lichter aufgehen?

Wie vermutlich auch du, gehe ich einkaufen, was es für das tägliche Leben braucht. Beim Eingang verwende ich zum Schutze aller das Desinfektionsmittel, das der Laden gratis zur Verfügung stellt, nehme eine gelbe plastifizierte Nummer, die nachweist, dass es noch genügend Platz hat, lächle und tausche mich mit der Hüterin dieser Nummern aus, die wiederum diese Schildchen und die Griffe der Einkaufskörbe desinfiziert. EinkaufswagendesinfiziererInnen habe ich bisher noch keine gesehen, aber neuerdings kann man in den grossen Einkaufscentern Plastiksäcke als Handschuhe verwenden. Freiwillig.
Dahinter geht dann eine - wie immer wohl sortierte - Früchte- und Gemüseabteilung auf und eben all das Nahrhafte, was unsere Lebensmittelläden zu bieten haben. Fast alles ist wie immer.

Jedoch die Menschen sind besorgt, das ist ihnen anzusehen. Manchmal könnte man meinen, Corona lässt sich über das Hinschauen übertragen, so wenig schauen sich die Menschen an. Vermutlich lässt sich der 2mAbstand leichter einhalten, wenn man nicht hinschaut, sich nicht anschaut. Ja ganz bestimmt sogar! Wenn man einander sieht, folgt oft auch ein freundliches Lächeln, ein freundliches Lächeln löst Spannung und schwupps ist man schon ein paar Zentimeter näher. Und das ist gefährlich, weil jeder zur Zeit zum potentiellen Täter und Systemsprenger werden könnte.
Eine Freundin sagte gestern: "Es ist nicht mehr lustig. Bei euch im Appenzellerland ist ja vermutlich noch heile Welt, aber hier im Raum Zürich bewegen sich die Menschen wie ferngesteuert, wie Zombies steuern sie ihre Einkaufswagen durchs Geschäft, sehr beängstigend das Ganze."

Als Psychotherapeutin oder sagen wir, als eine Art Expertin für innere und äussere Kommunikation im Dienste des guten Lebens und Zusammenlebens, besorgt mich besonders diese Allpräsenz von Angst, die sich im Raum ausbreitet und unter Isolation besonders wirksam wird. Mich besorgt die Sprache des Krieges, mich besorgen die Bild- und Raumsprache, die im Dienste das Schutzes aller schnell um sich greift. Sie erinnert an Kriege und Diktaturen, die in unseren kulturellen Erinnerungsräumen allzu aktiv sind und sie helfen definitiv nicht, besonnen zu denken und ebenso zu handeln.

So sind zum Beispiel viele Gänge und Regale im Coop der heilen Welt mit Klebestreifen abgesperrt und manche Regale, dummerweise grad die auf dem Weg zu den Kassen, konsequent mit schwarzer Folie eingepackt. Wer bis dahin noch vertrauensvoll und gesund war, beginnt spätestens jetzt leichte Atembeschwerden zu entwickeln. Ich hoffe, das ist nicht in allen Filialen, sozusagen Standard-Design-Vorgabe.

Das alles beschäftigt mich, weil wir alle wissen, welchen grossen Einfluss Räume und ihre Gestaltung auf unsere Wahrnehmung, Empfindung und Handlungsfähigkeit haben und dass die Erhaltung von Gesundheit, Immunkraft oder auch das Wiedergesunden von nicht nur desinfizierten sondern gepflegten, wärmenden, vertrauensspendenden und nährenden Faktoren abhängt.

Wie auch immer wir das, was uns (mit uns und durch uns) geschieht, interpretieren, was immer wir darin für wahr und wichtig halten, in einem sind sich viele einig: Es wird gute, alternative Ideen brauchen, um das, was sich hier so fragil und aus dem Gleichgewicht geraten zeigt, in ein gutes, lebenswertes Leben zu bringen. Ökonomisch, sozial, kulturell, ökologisch - es werden uns Lichter aufgehen müssen. Und weil Angst beim Denken hindert, will ich gerne fortfahren, den Blick anderer zu suchen, zu lächeln und Räume des entspannten Schutzes zu pflegen. Im und ausserhalb vom Lebensmittelladen.

 

B. fragt: WARUM dürft ihr keine Glübirnen kaufen?
Hat darauf jemand eine Antwort? Offenbar gehören sie nicht zu lebensnotwendigen Gütern.