Zwischen drinnen und draussen

Es ist früher Abend. Die Freundin, die gleich drüben auf der anderen Seite des Flusses wohnt, hat sich ohne Umarmung verabschiedet und ich bleibe noch eine Weile hier auf dem Steg. In Gedanken, im Schauen. Die Enten fegen in wildem Flug über die Mur. Im Augarten joggen noch ein paar Leute, einzeln, zu zweit, in Kernfamilie. Keine Fußball-, keine Hockeyspiele, ab und zu Volleyball in kleinen Gruppen, heute nicht, es ist wohl zu kalt. Ein paar Kinder sehe ich noch auf dem Spielplatz, sie halten sich meist an die neuen Regeln - nicht Schaukeln, nicht die Kletterspinne, nicht das große Schiff betreten. Wie es ihnen dabei geht? Täglich einige Male fährt die Polizei durch den Park, ab und zu höre ich Lautsprecher. Wir hatten Sorge, dass, wie zB die Bundesgärten in Wien, die Parks in Graz geschlossen werden. Das wäre schlimm, besonders im dichtest verbauten Bezirk der Stadt. Die sehr diverse Gemeinschaft von Menschen hier pflegt schon lange ein weitgehend gutes Miteinander. Auch jetzt in der Vernunft der körperlichen Distanz. Im Vorübergehen finden sich immer wieder mal Blicke, zeigt sich ein Lächeln. Mancher Gruß wird an Unbekannte ausgesprochen, der noch vor ein paar Wochen seltsam geklungen hätte im Raum unserer kulturellen Gepflogenheiten. Leiser sind wir jetzt. Und gehen früher wieder zurück in unsere Häuser. Wir teilen uns den Raum und die Zeit im Park neu auf.

Ein Anruf. Ich muss zurück ins homeoffice. In meinem Mykene System gibts einen Fehler. Auf meinem Schreibtisch steht seit heute morgen ein zweiter Bildschirm. Jetzt läuft da aufgeregt der Team-Viewer, eine Kollegin aus Kärnten schiebt Dateien hin und her, damit morgen alles funktioniert. Ich werde ab sofort einige Stunden in der Woche als Telefon-Akquisiteurin für eine Tageszeitung arbeiten und dafür geringfügige 430.- Euro im Monat verdienen. Das hilft. Ich gehöre zu den Vielen, die in Berufsfeldern arbeiten, die gerade garnicht gefragt sind und vermutlich wird das auch länger so bleiben. Die Menschen werden nach dieser Krise wieder zum Friseur gehen - sogar dringend ;-) - doch meine Angebote werden nicht so schnell “systemrelevant” sein, vielen meiner Kund*innen wird schlicht das Geld fehlen. “Wir werden ärmer werden, da hilft nichts”, sagt der deutsche Ökonom Gabriel Felbermayr im Falter. Und auf eine tiefe irrationale Weise macht mich das ruhig.

Telefonakquise ist nicht sexy, doch ich werde die Steine, die mir vielleicht aus der Krone fallen in ein Schatzkästchen legen und später etwas Kreatives daraus machen. Avrio, wie die Griechen sagen. Morgen. Oder im Herbst. Stefanie Sargnagel und ihre Callcenter Monologe fallen mir ein. Und ein wenig bleibt mir jetzt doch das Lachen im Halse stecken und der Blick auf den Team-Viewer macht Stress.

Kurzes social media update. Elisabeth Scharang, Filmemacherin und Moderatorin, die sich schon lange mit dem Prekariat von uns Kultur-Arbeiter*innen befasst, schreibt auf facebook: “Frage in die Runde: Wie sinnvoll wäre ein Grundeinkommen bis 1.12. von 1.700,- für alle? Überlegung:
- damit die, die noch keine Härtefälle sind, nicht bald welche werden
- damit der Verwaltungsaufwand der vielen unterschiedlichen Unterstützungstöpfe- und Fonds in Grenzen gehalten wird
- damit sich die Menschen nicht nur ums wirtschaftliche Überleben sondern um die Neuorganisation ihrer Geschäfte/Arbeit/Leben nach der Krise kümmern können
- damit transparent ist, wohin die Förderungen gehen
- damit die, die zurzeit besonders viel leisten müssen, einen zusätzlichen gesicherten Bonus bekommen
- damit nicht die Hälfte der Bevölkerung zu Bittsteller*innen wird
Es gibt bestimmt auch einiges, was dagegen spricht. Also bitte um eure Meinungen dazu.”

Ich werde ihr später schreiben. Ich halte ein bedingungsloses Grundeinkommen generell für sinnvoll und ja, auch und besonders jetzt. Ich habe einige der Petitionen unterschrieben und bin dafür, das immer weiter zum Thema zu machen. Wissend, dass es noch lange braucht, bis es realisiert wird und dass das gerade jetzt nicht geschehen wird. Die österreichische Regierungskoalition - Konservativ und Grün (was für ein Glück!) statt rechtsradikal - gefällt sich in paternalistischer Pose. Zugleich machen sie auch einen guten Job. Kein entweder oder in dieser Zeit.

Eine whatsapp Nachricht meiner Tochter. Sie schickt ein Foto des Abendmenues der Kantine ihres homeoffice in Manchester. Heute gibt es griechisches Gyros mit selbstgebackener Pita. Viele Menschen backen jetzt Brot. Das finde ich schön, sinnlich, erdend. Heute wollte ich mitmachen und habe in drei Geschäften vergeblich nach Germ (Hefe) gesucht. Einige Freunde haben mich dann ausgelacht “Germ gibts schon seit zwei Wochen nicht mehr!” In Manchester gibt es alles zum Brotbacken, doch seit mehreren Wochen selten Nudeln und Klopapier. Die Eltern des Partners meiner Tochter haben Nachschub aus Yorkshire gebracht.

Wir scherzen auf facebook, ob es in Graz schon einen Schwarzmarkt für Germ gibt. Zugleich läuft dabei vor dem inneren Auge ein zeitgeschichtlicher Film in schwarz-weiß. Angst bei nicht wenigen, nicht nur bei den Alten. Robert Misik, einer unserer führenden links-liberalen Intellektuellen schreibt vor einigen Tagen in einem kurzen Essay “Ich will, dass ihr Angst habt!”.

Es ist jetzt kurz nach Mitternacht. “Es beginnt”, schreibt Alea Horst, Fotografin, die vor zwei Wochen aus Moria, dem überfüllten Flüchtlingslager in Griechenland zurückgekommen ist. “Der erste Fall von Corona heute auf den griechischen Inseln in einem Flüchtlingscamp."
Europa, die EU, schafft sich als Friedensprojekt gerade endgültig ab. Wir sind wieder ein- und abgegrenzte Nationalstaaten, das Asylrecht, ein zentrales Menschenrecht, ist ausser Kraft gesetzt. “Die Krise dient nur als Vorwand für eine Renationalisierung”, sagt die Politikwissenschafterin Ulrike Guérot.

Ich bin nicht müde. Soll ich jetzt noch einmal zum Fluss gehen? Oder soll ich meiner Nachbarin und Vermieterin eine Antwort schreiben? Sie hat uns allen im Haus heute angeboten, die Miete zu reduzieren. Sie möchte uns Verrückte, Kreative, Mehrsprachige nicht verlieren, sagt sie. So zeigen sich die großen Fragen und Geschichten in den kleinen und machen neue Türen in weitere Räume von Verbundenheiten auf.

Es ist ein gutes Haus, ein guter Ort nahe dem Fluss, um hier mal die Füsse still zu halten, liebevoll und wach zu bleiben und auch mal Pause zu machen.