Natur-Dialoge: Der sympoietische Ansatz

«Liebe ist eine biologische Dynamik mit tiefreichenden Wurzeln», das meinten schon Maturana/Varela in ihrem legendären Buch «Baum der Erkenntnis». Donna Haraway denkt in "Unruhe bewahren" konsequent erweitert und stellt dem Autopoiese Geschehen die Sympoiese als fortwährendes Mit-Werden, Mit-Gestalten hinzu.

Der sympoietische Ansatz ist unter anderem von diesen beiden Denkrichtungen inspiriert und geht davon aus, dass die biologische Dynamik der Liebe auch vor der menschlichen Aufmerksamkeit nicht Halt macht und dafür sorgt, dass wir uns - zusammen mit den Welten, die wir schaffen, und jenen, die sich selbst erschaffen - als zirkuläre Gemeinschaften begreifen wollen.

Eine solche Ökologie der Aufmerksamkeit lenkt unseren Blick liebevoll auf das konkrete Gewebe der Kontexte, in denen wir leben: Zu den vertrauten, aber auch fremden Menschen, zu den Tieren, Pflanzen und Steinen, zu den Elementen, dem Wetter, den Werkzeugen und Dingen. Sie gibt sich nicht mit Repräsentationen zufrieden: Sie will berühren, riechen, schmecken, sie will lieben und handeln, sie will der Teil der Welt sein, der sie ist. In dieser ökologischen Dynamik kann sich unsere Aufmerksamkeit in dieser Choreografie der Koexistenz mitwirken, die nicht nur Autopoiese ist, sondern Sympoiese – ein ständiges Mit-Werden.

Um diesem Vermögen von Handlung und Wahrnehmung wieder näher zu kommen, ist Ver-Lernen von Selbstverständlichkeiten nötig. Gesundung und gesunde Entwicklungen erfordern nicht nur Behandlungen, sondern Handlungen, die der wechselseitigen, leiblichen Dimensionen menschlichen Aufmerksamkeit entspricht.  Der sympoietische Ansatz bietet drei grosse Lernfelder: Erdverbundenheit, Erinnerungspraxis und Resonanzkultur und die in ihnen wirkenden Beziehungsgefüge zwischen Menschen, zwischen Menschen und natürlichen Räumen, sowie zwischen Menschen und Dingen.

‚Natur Dialoge‘ thematisiert diese vielschichtige ökologische Verwobenheit in Theorie und Praxis von Psychotherapie, Pädagogik und Beratung, in der sich mehrheitlich rein mensch-orientiertes oder ganz abstraktes Systemdenken breit gemacht hat. Es spinnt Fäden neu weiter, die in den Anfängen systemischer Theorie noch Bedeutung hatten.

Kreszmeier, Astrid Habiba (2021): Natur-Dialoge, Der sympoietische Ansatz in Therapie, Beratung und Pädagogik, Carl-Auer Verlag (Heidelberg)

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