40 Tage Tagebuch

Diese besonderen Zeiten stellen besondere Fragen, vielleicht auch Weichen. Umso wichtiger, verschiedene Stimmen und Impulse in Ruhe in sich und im Austausch mit anderen zu einer Haltung, zu einer Orientierung, zu einem sinnvollen Handeln zu bündeln. So dachten wir uns und haben vom 28. März bis zum 6. Mai 2020 ein 40-Tagebuch eröffnet und es in den Dienst von Begegnungen und Gedanken und Informationen aus den Quarantäne-Zeiten gestellt. Es haben sich spontan, Tag für Tag, Beiträge eingefunden, 16 Schreiberinnen und Schreiber haben daran mitgewirkt. Hier unser kleines Zeitdokument. Danke!

Altbewährte Muster

Altbewährte Muster, Reflexe und Traumata kommen zum Vorschein: Argentinien, Chile oder auch Spanien und Italien erleben das Revival ihrer faschistischen Zeit mit von Militär und Polizei dominierter rigider Ausgangssperre. Schweden versucht es neutral und offen. Die Schweiz igelt sich ein. Oesterreich schummelt sich durch. Die Deutschen lavieren zwischen 1848 oder 1871. In Frankreich ruft der Präsident 7mal la guerre! Und die englische Königin erkundigt sich in Neuseeland, ob auch alles gut geht. 

Das meiste läuft weitgehend unbewusst. In Neuseeland war das Ziel zu Beginn wie überall: flatten the curve und das Gesundheitssystem nicht überfordern. Bereits mach einem Monat aber wurde immer deutlicher (ohne formellen Beschluss!), das es darum gehe, den Virus auf der Insel vollständig auszurotten. Die Neuseeländer haben Übung damit, sie rotten alles aus: Possums, Ratten und sogar Föhren im Nationalpark werden vergiftet. Das lernen schon die Kinder. Ein Professor der nationalen Task Force hat zu Beginn sogar vorgeschlagen, die Alten auf vorgelagerte Inseln in Quarantäne zu stellen. Die Reflexe eines Inselvolks.

Hier in der Schweiz höre ich unserer Bundesrätin Karin Keller Suter immer genau zu. An der ersten Corona-Medienkonferenz, die ich noch in Neuseeland mitverfolgt habe, konnte sie es nicht lassen zu sagen, auch für die Migranten sei die Grenze nun dicht. Und heute betont sie als wirtschaftsnahe Justizministerin und zuständige für das Migrationsamt in jedem Interview, es gehe primär darum die Warenflüsse und die wirtschaftlich notwendigen Grenzübertritte nicht zu blockieren. Bei humanitären Fragen bleibt sie dagegen reserviert, förmlich und steif, auch im Gesicht.

Was auch auffällt: Die Verantwortung wird verwischt. Auf dem Plakat am Schweizer Grenzzaun (Es gibt wegen der Virus-Distanz zwei Zäune...) steht, dass dieser von der regionalen Taskforce beschlossen worden sei. Genannt wird dann der Schweizer Grenzschutz, die Kantonspolizei und die Stadt Kreuzlingen. Als ich nachfragte, sagte der Grenzschutzoffizier, der mich als Spaziergänger am Zaun angehalten hat und meine Papiere sehen wollte, die Stadt habe den Zaun gebaut. Der Stadtpräsident aber sagt, auf Veranlassung des Grenzschutzes habe die Stadt..., etc. Der Stadtpräsident meint aber auch, er sehe als Vorteil, dass das Kreuzlinger Gewerbe geschützt werde.

Die bereits genannte Bundesrätin KKS ist auch für das Migrationsamt SEM zuständig, sie macht die Bestimmungen oder schlägt sie dem Bundesrat vor. In der Covid-Verordnung des Bundes steht nun, dass "Einkaufstourismus" mit 100 CHF gebüsst werde. Die Drohung richtet sich primär an die Deutschen, welche in der Schweiz niedergelassen sind und an die Grenzgänger. Wir Nur-Schweizer oder Nur-Deutsche dürfen ja eh nicht rüber.

Dann ist da noch Bundesrat Ueli Maurer, der neben den Finanzen auch für den Grenzschutz zuständig ist, der die Bestimmungen des Migrationsamts umsetzt, der dafür beim Militär die Helis und Soldaten anfordert, ein Grenzschutz, der sich zunehmend selbstständig machen kann, weil die Details unklar sind und auf Admin-Ebene ausgelegt werden können, genauso wie in Deutschland. Dort tobt deswegen sogar ein richtiger Streit zwischen Innenministerium und Grenzern, wie der Konstanzer Südkurier berichtet hat.

Als dritter im Bunde wäre da noch Aussenminister BR Cassis. Er könnte ja die Wiedereröffnung der Grenze mit anderen Aussenministern diplomatisch vorbereiten und zumindest Lösungen für den kleinen Grenzverkehr suchen. Aber davon habe ich bisher nichts gehört. Dieses Trio infernale erscheint kaum an den Medienkonferenzen des Bundesrats und wenn, dann reden sie über die bedrohte Wirtschaft und keiner will es gewesen sein.

Viola Amherd als vierte Mitbeteiligte an der Spitze des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport hat immerhin früh genug gemerkt, dass ihre Soldaten in den Spitälern nichts zu tun haben. Vielleicht hat sie auch einen Zielkonflikt, weil der Sport ein Milliardengeschäft ist und Bewegung das Immunsystem stärken würde. Aber lassen wir das. Droz, ihr "gestählter Brigadier", "heimliche Held", "heimlicher Star" und "Iron Man Finisher" (Medien) prahlt als als Stabschef des Kommandos Operationen bis heute, was das Militär alles kann. Das erste Mal seit dem Weltkrieg leisten Soldaten wieder Aktivdienst und er organisiert das. Drum hat man ja auch für die Spitäler Soldaten aufgeboten und nicht den Zivildienst. Das sind vier von sieben Bundesräten... Die waren wohl ein bisschen eifersüchtig, dass ihnen ausgerechnet die beiden Sozialdemokraten in der Regierung die Show stehlen. Dafür werden die dann für die Arbeitslosigkeit und die Schäden in der Wirtschaft schuld sein. Der 7. im Bunde, der Rebbauer und Wirtschaftsminister, wird so komplett vom neoliberal dominierten Wirtschaftsamt SECO gesteuert, dass es einem schwindlig werden könnte. Aber das wäre dann die nächste Geschichte.

Daaaas besorgt und nervt mich, hier in der Schweiz, in Deutschland und in vielen anderen Ländern wo ich hinschaue. Von Trump oder Putin will ich schon gar nicht anfangen. Es geht an der Grenze schon lange nicht mehr um Covid-19, es geht auch überhaupt nicht mehr um den Virus, aber er ist ein super Vehikel, um im Hintergrund ein paar Dinge zu drehen, die vorher unmöglich waren. Zudem müssen diverse neoliberale Versäumnisse in der Vorratshaltung, in der Gesundheitspolitik oder bei den Schulen verwischt werden. Drum: Grenze zu! C'est la guerre! Virus ausrotten! Und unter Schock: Milliarden in die Luftfahrt und Pharmaindustrie! Und wohl auch bald wieder in die Banken.

Die Grünen haben sich da wohl zu früh gefreut, befürchte ich. Wo übrigens alles schön beschrieben ist: Naomi Klein, Schock-Strategie.

Auch ich wie andere hier im Tagebuch versuchen persönlich über die Runden zu kommen: Freunden nachfragen, mit eingesperrten Eltern kontakten, Körperübungen machen, Wildpflanzen bestaunen und essen, rudern, in die Wolken schauen, Bier trinken (ohne mich grad in die Pestgrube zu legen - aber vielleicht liegen wir eh alle drin und merken es nicht), lange Velofahrten, paddeln...

Und in kleinen Vorfreuden schwelgen: Bald werde ich im Rhein rudern und schwimmen, gut bewacht von den uniformiert und bewaffnet patroullierenden Bademeistern an den Ufern.