40 Tage Tagebuch

Diese besonderen Zeiten stellen besondere Fragen, vielleicht auch Weichen. Umso wichtiger, verschiedene Stimmen und Impulse in Ruhe in sich und im Austausch mit anderen zu einer Haltung, zu einer Orientierung, zu einem sinnvollen Handeln zu bündeln. So dachten wir uns und haben vom 28. März bis zum 6. Mai 2020 ein 40-Tagebuch eröffnet und es in den Dienst von Begegnungen und Gedanken und Informationen aus den Quarantäne-Zeiten gestellt. Es haben sich spontan, Tag für Tag, Beiträge eingefunden, 16 Schreiberinnen und Schreiber haben daran mitgewirkt. Hier unser kleines Zeitdokument. Danke!

Auf der Havel

Seit ein paar Stunden bin ich unterwegs – mit sanften, gleichmäßigen, kräftigen Paddelschlägen flüchte ich aus der „Weltkrise“, die in Null Komma nix auch „meine“ Welt erreicht hat – naja nicht wirklich bedrohlich – ich kenne nach wie vor kein „Opfer“des „Killervirus“ persönlich  – aber dennoch ist mein Alltag  und Leben betroffen von den vielfältigen Auswirkungen – ich fühle mich ohnmächtig und fassungslos – kann es einfach nicht gelassen hinnehmen, dass über mich und mein Leben derart bestimmt wird ... kann es nicht hinnehmen, dass sich kaum Widerstand regt, obwohl massiv in die Persönlichkeits- und Menschenrechte eingegriffen wird....kann es nicht hinnehmen, dass andere aus meiner Sicht brisantere Themen einfach im Off verschwinden, kann den für mich irrsinnigen, katastrophenkapitalistischen Umgang mit dem Unbekannten einfach nicht hinnehmen, kann es nicht hinnehmen, wie aus dem Leid anderer Profit geschlagen wird, kann einfach nicht hinnehmen, wie Menschen entmündigt und entwürdigt werden.....

Mit jedem Paddelschlag entferne ich mich von „dieser Welt“ und tauche ein in eine „andere Welt“ – der Wind zerzaust mein Haar, ich gleite dahin, fühle mich getragen, meine Haut riecht nach Sonne... es ist einfach nur schön hier draußen allein auf dem Fluss...meine Gedanken beruhigen sich und ich genieße die Stille, den Frieden, die Zeitlosigkeit, die Stimmen der Vögel...es gibt nichts zu tun, ... nur zu spüren, zu fühlen, zu sein – ohne Plan lande ich an einem mir sehr vertrauten Platz an einem kleinen See mitten im Naturschutzgebiet – dort hinter dem Schilf steht eine alte Erle – dort lasse ich mich nieder, lege mich auf die Erde, zünde ein kleines Feuer an, schaue aufs Wasser und in die Abendsonne – ich erinnere mich an viele verschiedene Momente meines Lebens hier an diesem Fluss: an verliebte heimliche Küsse; einen kleinen toten Vogel, den meine Kinder gefunden und den wir hier begraben haben; an letztes Jahr, als ich mit meinem Enkeltöchterchen zum ersten Mal auf Tour war und hier übernachtete... ich schlafe ein....mitten in der Nacht erwache ich vom Dröhnen des nahegelegenen Autobahnrings – ach ja, es hätte ja einfach mal idyllisch sein können - aber der Wind hat gedreht - und das Donnern der LKW’s ist weder zu überhören noch auszuschalten – es rauscht in meinen Ohren und Gedanken....in den frühen Morgenstunden flüchte ich mich wieder ins Boot – Bewegung hilft ja bekannter weise bei Ohnmachtsgefühlen... im Moment will ich nur fort von dieser Geräuschkulisse – ich ziehe an sumpfigen Ufern und Inseln entlang, staune über die Vielfalt der Wasservögel, tauche wieder ein in diese besondere Welt – ich beobachte verschiedene Reiherarten, Kraniche, einen Seeadler – bin erstaunt über die Vielfalt – hier lebte vor ca. 30 Jahren fast kein Vogel mehr – die Flüsse in Ostdeutschland waren nach 40 Jahren DDR in einem jämmerlichen Zustand und extrem belastet. Dafür gab es keine riesen Yachten, unzählige Hausboote, Flöße mit Motoren – im Sommer ist Wasserstraße das richtige Wort für diesen Flussabschnitt hier. Heute kein Boot weit und breit und auch 30/40 Jahre sind keine lange Zeit – das gibt mir Hoffnung.

Als die große Autobahnbrücke in mein Blick-und Geräuschfeld kommt, erwische ich mich in radikalen Gedanken – vor nicht wenigen Wochen war diese Autobahn hier leer – jetzt reihen sich wieder LKW an LKW auf dem Weg in die große Metropole.

Wie lässt sich diese Maschinerie stoppen – ok, es bräuchte zuerst Straßenbarikaden, damit niemand ernsthaft verletzt wird – dann müsste es schnell gehen – Sprengstoff – ja am liebsten würde ich die Brücke in die Luft sprengen...woher kommen solche Gedanken? Ich paddel weiter, passiere die Brücke und lasse das Dröhnen hinter mir...noch drei, vier Mäander und es wird still – ich atme tief ein und aus.

Vielleicht doch lieber eine Republik gründen – statt etwas in die Luft sprengen: mit guten Kartoffeln; Kindern in Waldgruppen und Naturschulen; von Zeit zu Zeit ein Fest für die Naturkräfte und Lebenszyklen; Informationsfluss über Geschichten und Lieder; Feuerstellen in der Mitte und überall dort, wo es etwas zu wärmen und zu erzählen gibt; Liebe, die sich nicht über Verträge regeln muss und frei ist; Technik, die dem Leben dient, Reisekontingenten – ach was weiß ich - eine Republik des guten, einfachen Lebens...

Ich paddel weiter, finde ein Plätzchen unter einer großen Weide, über all wächst Gundermann – übrigens ein Lungenkraut – neben mir eine Kranichwiese – die Kraniche fliegen in großen Kreisen, rufen und lassen sich langsam nieder – ein beeindruckendes Schauspiel in der Abendsonne.

Vor vielen Jahren in der Zeit der Wende war ich hier mit einer Gruppe von Frauen auch mit Kanus unterwegs – alles gestandene Frauen zwischen Ende Vierzig und Mitte Fünfzig – so alt wie ich heute, Betriebs- und Abteilungsleiterinnen abgewickelter DDR-Betriebe in einem Arbeitsbeschaffungsprogramm – sie sollten nun Erzieherinnen werden – ich war halb so alt wie sie, noch grün hinter den Ohren, würde meine Großmutter sagen – wir saßen drei Tage im Regen am Feuer, in Mülltüten gehüllt - es gab noch kein Goretex - brauchten wir auch nicht – sie erzählten mir und sich ihr Leben, ihre Sorgen, Ängste und Nöte – wir haben so viel gelacht, geweint und wieder gelacht...sie saßen zum ersten Mal in einem Kanu, waren z.T. das erste Mal seit ihrer Jugend ohne ihre Ehemänner unterwegs, in dem Sinne draußen sowieso, sie hatten ihre Aufgaben und ihr Land verloren...

Am Morgen fährt ein Geländewagen an meinem Feuerchen vorbei – zwei junge Männer winken mir freundlich grüßend zu – Jäger. Träume ich oder fahren die beiden jetzt wirklich einfach an mir vorbei und grüßen mich freundlich?!

Schon haben meine Tage eine bekannte Routine: Feuer machen, ein Morgenkaffee, ein Vogelbeobachtungsspaziergang... Boot packen und wieder aufs Wasser... Stunden um Stunden ziehe ich auf dem Wasser dahin - frei, lebendig, friedlich, zuversichtlich...und der Fluss erzählt mir Geschichten – Geschichten des Lebens, meines Lebens und Geschichten vergangener Zeiten....der Fluss erzählt vom Heute, nur nicht vom Morgen...das bleibt ungewiss und das ist auch gut so....