40 Tage Tagebuch

Diese besonderen Zeiten stellen besondere Fragen, vielleicht auch Weichen. Umso wichtiger, verschiedene Stimmen und Impulse in Ruhe in sich und im Austausch mit anderen zu einer Haltung, zu einer Orientierung, zu einem sinnvollen Handeln zu bündeln. So dachten wir uns und haben vom 28. März bis zum 6. Mai 2020 ein 40-Tagebuch eröffnet und es in den Dienst von Begegnungen und Gedanken und Informationen aus den Quarantäne-Zeiten gestellt. Es haben sich spontan, Tag für Tag, Beiträge eingefunden, 16 Schreiberinnen und Schreiber haben daran mitgewirkt. Hier unser kleines Zeitdokument. Danke!

Think Pink

Liebe Djamila,
wäre ja gerne mit dir gepaddelt
– aber ich darf nicht nach Potsdam reisen. Es gelten ja neuerdings im Westen wieder allerhand (da und dort etwas gelockerte) Regelungen, wie sie für Diktaturen üblich sind: Ausgehverbote, Versammlungsverbote, Grenzübertrittsverbote, welche mit einem totalitären Überwachungssystem untermauert werden. Die frisch aufgezogenen Grenzzäune, wie jene zwischen Kreuzlingen und Konstanz sind nur die jüngsten Beispiele der neuen Einmauerungen, die sich diverse Staaten des sogenannten freien Westens in zunehmendem Ausmass leisten. Ein letzter Mauerfall der Geschichte ist schon wieder eine Weile her. Und davor war ja deine geliebte Havel auch Teil jener Grenze.

Die Grenze hier ist der Rhein. Im Rheintal vor meiner Haustüre ist dies streckenweise der sogenannte Alte Rhein. Da könnte ich ja eigentlich auch paddeln gehen. Da wo er nicht kanalisiert ist, mäandert er wie jeder andere freifliessende Fluss. Und wir Kanuten wissen ja, dass die Strömung, von der wir uns tragen lassen, immer in der Aussenkurve verläuft. So würde ich auf meiner Fahrt in jeder Kurve unweigerlich und eben jetzt auch unerlaubt die Landesgrenze überqueren. Bis zum Bodensee käme da eine rechte Bussensammlung zusammen.

Du hast in deinem Bericht ja auch von den Pflanzen erzählt und dabei das Lungenkraut erwähnt. Da habe ich die Ohren gespitzt. Hat das Kraut auch mir dir gesprochen? Oder dich mit seinen pinkfarbenen Blüten angelächelt? Du weißt ja, dass pink in den Orixatradtionen die Farbe von Iansa ist, die «Herrin der Luft». Das war das alte Wissen: die Signatur der Pflanze sagt uns etwas über das «kranke Element» und trägt in sich auch schon das Heilpotential. Die «Online-Geberkonferenz» hat gerade 7,5 Milliarden Euro für die Entwicklung von Mitteln gegen das Coronavirus gesammelt. Das fliesst natürlich in die Pharmaindustrie. Was, wenn das Lungenkraut ein wirksames Mittel gegen Corona wäre? Das hat sicher noch niemand probiert oder doch? Es wächst in jedem Garten und es heisst, dass schon Hildegard von Bingen dieses Kraut als heilsam für Lungenkrankheiten empfohlen hat, sie hat es «Lungwurz» genannt. Wie viele Frauen haben die Lungenheilkraft dieses Krautes aber schon vor ihr gekannt? Und wie viele nach ihr? Von letzteren sind ziemlich viele auf dem Scheiterhaufen gelandet. Hildegard hat’s nicht erwischt – erstens, weil sie eine Adelige war, und zweitens, weil sie sich freiwillig eingemauert hat – dadurch wurde sie eine Heilige.

Zu Hildegards Zeiten wäre Corona sowieso nicht wirksam gewesen, dafür war die Bevölkerungsdichte von 300 Millionen auf dem ganzen Planeten viel zu klein, und die Luft noch zu sauber für heutigen Lungen-Vorerkrankungen. Heute sind wir bald 8 Milliarden und so konnte Corona die Welt derart in Panik versetzen, dass das Heil in der Einmauerung gesucht wurde. Wie Hildegard von Bingen haben sich die meisten freiwillig einmauern lassen und sind wochenlang in ihren Mauern geblieben, obwohl ein Spaziergang in der Waldesluft den wirksameren Schutz gebracht hätte. Aber unser Gesundheitswesen ist ja so in den Tretmühlen der Wirtschaftlichkeit und der Labor- und Testwissenschaftlichkeit gelandet, dass der Heilkraft der Natur jede Einflussmöglichkeit genommen wurde. Aber falls Corona kein aus einem menschlichen Gen-Labor entwichenes oder willentlich entlassenes Kunstprodukt ist, dann ist es ein zweifellos ein Element der Natur, genauer gesprochen, ein Luftelement: es ist unsichtbar wie die Luft, es überträgt sich über die Luft, und es geht beim Menschen auf die Luftorgane – in den wenigen schlimm verlaufenden Fällen – jenen mit Vorbelastungen der Atmungsorgane – nimmt es den Menschen gar die Luft.

Im naturdialogischen Denken geben wir der Natur ja eine eigene Stimme. Und die kann offenbar mit ganz kleinen Dingen ziemlichen Lärm entwickeln. Jedenfalls sind unsere wertvollen Metallvögel und einiges mehr, gegen das Greta Thunberg unberirrt jetzt ja sogar vom Sofa aus wettert, allesamt gegroundet, verursacht durch ein winziges Wesen. Was für eine Ironie!

Ja Djamila – du hast als Kind das Leben in einem totalitären Staat gekannt. Das muss besonders schmerzhaft sein zu erleben, wie schnell so einer wieder installiert ist. Es braucht nur eine unsichtbare Gefahr und die damit unweigerlich verbundenen Ängste, und schon sind die Menschen wieder bereit dazu. Schon Nazisystem, und dann auch das Stasisystem konnten sich ja nur halten, weil die Menschen es aus lauter Angst oder weil es damal einfach so war, nicht mehr gewagt haben, die Stimme zu erheben.

Weisst du was ich glaube? Ich glaube, das Iansã, die ja auch als Orixá der Kommunikation gilt und als eine Kraft, die von Freiheit erzählt, wütend ist auf uns Menschen, weil die meisten von uns sich nicht mehr trauen, die Stimme zu erheben und von Freiheit zu träumen.