40 Tage Tagebuch

Diese besonderen Zeiten stellen besondere Fragen, vielleicht auch Weichen. Umso wichtiger, verschiedene Stimmen und Impulse in Ruhe in sich und im Austausch mit anderen zu einer Haltung, zu einer Orientierung, zu einem sinnvollen Handeln zu bündeln. So dachten wir uns und haben vom 28. März bis zum 6. Mai 2020 ein 40-Tagebuch eröffnet und es in den Dienst von Begegnungen und Gedanken und Informationen aus den Quarantäne-Zeiten gestellt. Es haben sich spontan, Tag für Tag, Beiträge eingefunden, 16 Schreiberinnen und Schreiber haben daran mitgewirkt. Hier unser kleines Zeitdokument. Danke!

Teil 1 und Teil 2

TEIL 1

Mein erster Bericht in diesem Tagebuch erscheint mir heute wie der eines Kindes, obwohl nur einige Wochen vergangen sind und die Quarantäne so gut wie zu Ende ist. Ich schrieb über den Baum, der mir von der Natur und ihren Bedürfnissen erzählte, von der Leichtigkeit, mit der Viren gehen würden, wenn wir diese Bedürfnisse ernst nehmen würden. Mittlerweile hält sich die Leichtigkeit in Grenzen, vielleicht weil ich ein Realitätsbad genommen habe, vielleicht weil ich mich anstecken ließ (nein, nicht vom Corona...) von Angst und Sorge, von dunklen Prophezeihungen, von schwindenden Perspektiven. Ich hab zu viele Zeitungen und Berichte konsumiert in diesen Wochen.

In der bedeutesten brasilianischen Tageszeitung, Folha de Sao Paulo, werden täglich neue Corona-Tote vorgestellt - inklusive kurze Bio und die Exit-Story. Da sind junge und alte Gesichter dabei, meistens lächelnd, Schwarze, Weisse, wunderbar rötlich Schimmernde - so bunt wie das brasilianische Volk eben ist. Beim rauf und runter scrollen begegnet man Infos zur Entwicklung der Corona-Zahlen, zu gesetzeswidrigen Ausbrüchen aus der Quarantäne, Illustrationen, die
an die bestens bekannten Händewaschtechniken erinnern, viel Information zum neusten Tanz in der polarisierten politischen Landschaft und vieles mehr, meistens mit Corona-Bezug.

Kulissenwechsel nach Italien, wo ich mich auch fast täglich umsehe: La Repubblica, il Corriere della Sera, il Giornale - auch hier Zeichnungen, textgleiche Erinnerungen an Do‘s & Dont’s, häufig auch Bilder und Berichte über Verstorbene, gruselige Erzählungen von Betroffenen, Analysen und Prognosen, politisches Hick-Hack und beängstigende Blicke auf die ökonomische Entwicklung.

Blick nach Deutschland. Hier fühle ich mich wohler, es scheint hier leichter zu sein oder die Berichte sind weniger emotional, oder ich meide einfach Zeitungen, die es zu bunt treiben. Und schon bin ich in Österreich gelandet, Standard ist meine erste Adresse, aber auch lokales, Kleine Zeitung und natürlich die Krone, die schon vor Corona die meist gelesene Zeitung Österreichs war. Hier hat man es immer besser im Griff, es gibt weit weniger Tote, sie werden auch nicht
bildlich vorgestellt - oder ist mir da was entgangen? Hier stellt sich im Vergleich fast gute Laune ein und ich ertappe mich beim Gedanken: Bin ich froh, dass ich hier lebe. Ich lese gerne die Leser-Kommentare, denn häufig muss ich herzhaft lachen. Viele Leute haben guten, intelligenten Humor, weit mehr als ich spontan gefragt angenommen hätte. Frau lernt.

Ich aktvier(t)e alle paar Tage mein altes Facebook Profil und sehe mich um, lese Kommentare, gucke Bilder, das eine oder andere lustige Video und besuche thematische Interessengruppen. Hier weht beizeiten ein rauher und auf jeden Fall kritischer Wind, der die Maßnahmen für überzogen bis unnötig hält und manchmal auch in die düstere Nähe eines dunklen, weltweiten, elitären Komplotts bringt. Hier werden auch gerne und oft die Expert/innenmeinungen „geteilt“, die anderorts als Verschwörungstheoretiker tituliert werden.

Viel Polarität in dieser bewegten Zeit des Rückzugs, der Angst, der Sorge und Veränderung, der erzwungenen Pseudo-Stille. Für mich, die ich seit Jahren keinen Fernseher und kein Zeitungsabo besitze, erschöpfend. Mein Vor-Corona-Medienkonsum bestand in einem groben Überblick via Smartphone, wenn man im Augenwinkel die eine oder andere Kurzmeldung über Wetter-, Welt- und Regionalgeschehen aufblitzen sieht. Die Quarantäne Wochen haben dies drastisch verändert und mich darin bestärkt, wieder abstinent zu werden. Ich schätze Information und bin, wie wir alle, davon abhängig, vor allem in Zeiten wie diesen. Aber ich bin auch eine Künstlerin und Forscherin, für die lange Quarantäne - und Retreatphasen zur etablierten Lebensform gehören. In diesem
mich absentieren und fern-bleiben finde ich die Geschenke und Kreationen, die ich später mit der Welt teile. Auch in dieser Quarantäne ist einiges entstanden, aber es trägt noch Trauer, schmeckt etwas fade, kann sich nicht wirklich freuen. Vor meiner Tür war es vorher schön. Ich wusste, die Welt ist nicht perfekt und ich hab mich viele Jahre auch beruflich mit ihren Schattenseiten beschäftigt. Aber vor meiner Tür war es jetzt lange Zeit schön. Und das vermisse ich.

Gleichzeitig stellt sich bei mir am Wendepunkt zur Post-Quarantäne-Zeit auch Ruhe und eine fast heitere Gelassenheit ein. Ich darf in einer spannenden Wendezeit leben und dies an einem Ort auf der Weltlandkarte, der weitgehend bemüht ist, Freiheit auf allen Ebenen (wieder) zu ermöglichen. Kein Paradies, aber ein Ort, der trotz seiner vieler historischen und aktuellen Schatten und Polaritäten, Toleranz gelebt hat und auch viele weltoffenene, intelligente, reflektierte, acht-
same Menschen beherbergt. Das macht mich zuversichtlich. Und mit Medienabstinzenz werden meine Kreationen auch sicher wieder bunt. Das brauchen wir auch. Buntes.

TEIL 2
Heute erscheint mir der gestern geschriebene Statusbericht (Teil 1) etwas zu schwer, fast pessimistisch. Es lag vielleicht daran, dass ich den Text am Abend geschrieben habe - die Zeit für Tiefgang, aber auch die Zeit, in der die eine oder andere dunkle Tageswolke über meinen grübelnden Kopf schwebt. Neuer Tag, neues Leben. Ich möchte den Text ergänzen. Ich glaube an die notwendige Entwicklung des Bewusstseins, die wir als Menschen erfahren, ganz egal, auf wel-
chem Niveau. Und ich glaube an die Heldenreise, die jedes Menschenleben eigentlich ist. Wir reisen durch verschiedenste Erfahrungen und Beziehungen, wir denken darüber nach, verarbeiten oder verdrängen es, glauben an uns oder lassen zu, dass diese Fähigkeit verschüttet wird. „Wir alle spielen Theater“ ist ein Klassiker der Soziologie, den ich nach wie vor liebe, von Erving Goffman, a long time ago geschrieben. Vergilbte, gute wissenschaftliche Kost, die uns daran erinnert, dass wir alle geselschaftliche Masken tragen, tragen müssen, auch ohne Corona. Um zu überleben, müssen wir uns anpassen, in verschiedene, kontextgerechte Rollen schlüpfen und diese so gut als möglich spielen.
Die derzeitigen Normierungen sind für all jene von uns, die bereits ein ordentliches Maß an Ausdrucks- und Rollenfreiheit besaßen, die sich vieler ihrer familiär oder gesellschaftlich aufgezwungenen Masken und Surrogate bereits befreiten, schwer zu verdauen. Wir lernen dabei aber auch das Maß zu schätzen, das wir hatten. Und wir lernen neue Rollen.
Neutral betrachtet ist das schön, einfach eine neue Erfahrung, eine neue Challenge, an der wir ganz bestimmt wachsen werden. Insofern lasst uns miteinander tanzen und Musik machen, maskiert oder nicht, lasst uns positiv nach vorne blicken, rebellisch oder angepasst unser eigenes Lied singen als herzhafter Bewusstseinstropfen, der im grossen Ozean des Lebens eine tragende Rolle spielt. Und falls notwendig, machen wir Lärm, denn viele Wassertropfen sind mächtig. Nur
so als Erinnerung. Have an nice day and never give up.