40 Tage Tagebuch

Diese besonderen Zeiten stellen besondere Fragen, vielleicht auch Weichen. Umso wichtiger, verschiedene Stimmen und Impulse in Ruhe in sich und im Austausch mit anderen zu einer Haltung, zu einer Orientierung, zu einem sinnvollen Handeln zu bündeln. So dachten wir uns und haben vom 28. März bis zum 6. Mai 2020 ein 40-Tagebuch eröffnet und es in den Dienst von Begegnungen und Gedanken und Informationen aus den Quarantäne-Zeiten gestellt. Es haben sich spontan, Tag für Tag, Beiträge eingefunden, 16 Schreiberinnen und Schreiber haben daran mitgewirkt. Hier unser kleines Zeitdokument. Danke!

Wieder zurück kommen

Ich mache mir Gedanken, wie es sein wird, „wieder zurückzukommen“. Also wieder in die face-to-face-Arbeit zurück zu kommen. Ich bin seit 11.3. in homeoffice, der Lehrbetrieb läuft im distance-learning, alles online. Am Freitag hatte ich ein Videomeeting mit meiner Vorgesetzten, um mein Arbeitspensum und meine -ziele für das nächste Studienjahr festzulegen. Sie fragte mich zu Beginn: „Halten wir zuerst Rückschau: Wie lief es mit deinem Pensum in diesem Studienjahr? War es zu viel? Zu wenig? Hast du alle deine Forschungsvorhaben umgesetzt? Deinen Artikel publiziert?“ Ich war lange still. Ich konnte mich so schlecht erinnern, wie es denn war, damals, als ich noch in Linz an der Pädagogischen Hochschule analog, mit direktem Kontakt zu Menschen arbeitete.

Ich hab das Gefühl, ich bin seit Corona in eine Art Parallelwelt gerutscht. Ich arbeite, sitze viel vorm PC, stehe mit meinen Studierenden in Kontakt per mail, wir treffen uns im chat, in google meet, ich habe Videomeetings mit meinen Kolleg/-innen oder Vorgesetzten. Ich mache das verantwortungsbewusst und wende viel Zeit dafür auf. Aber sobald ich den Laptop schließe, ist alles einfach weg. Klappe zu und aus. Es bleibt so gut wie nichts übrig. Es ist für mich ein „Arbeiten aus zweiter Hand“.

Mir fehlt der direkte Kontakt zu meinen Studierenden, die spannenden Diskussionen, die sich nie in der Intensität ergeben in einem google meet. Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich ein Bild: Da treibt die Pädagogische Hochschule mit dem Gelände rundherum und mit allen möglichen Menschen darauf auf einem Fluss, und das Wasser trägt dieses Gebäude wie ein kleines Modell gemächlich immer weiter weg. Ich schaue dem gelassen zu. Aber wenn ich die Augen öffne, dann steht hier die Frage: Wie wird das sein, im Herbst, wenn wir wieder zusammenkommen? Wie hat sich die Welt verändert? Für meine Kolleg/-innen? Für meine Studierenden? Und für die Schüler/-innen, mit denen die Studierenden arbeiten?

Hartmut Rosa sagt, die Weltbeziehung entfaltet sich in dichten Interaktionsprozessen im Klassenzimmer. Welche Auswirkungen hat wohl die Corona-Zeit, dieser cut, auf die Entfaltung der Weltbeziehung der Kinder? Und wie werden wir alle und besonders wir Pädagog/-innen damit umgehen?
Ich hab Angst vor „business as usual“ oder besser gesagt „Schule wie gewohnt“. Ich hoffe, dass sich viele Lehrer/-innen Zeit lassen werden und sie nicht die Sorge um den noch zu erarbeitenden Lehrstoff leitet, sondern das echte Bedürfnis, mit den Kindern wieder in Kontakt zu kommen. Und ich frage mich, wie ich selber wieder zurückfinden werde in diese andere Welt.