Der Natur-Dialog

Unser Wirken gilt der Beziehung von Mensch und Natur. Unsere Praxis begegnet also Natur-Räumen unseres Heimatplaneten und der vielschichtigen Natur des Menschen. Das Wichtigste ist in all dem das Dazwischen: die Kraft und wechselseitige Beziehung, der lebendige Dialog nicht nur unter Menschen sondern auch zwischen Mensch und Raum.

Natur-Dialog Ansatz

Der Natur-Dialog Ansatz versteht sich als Leitbild unserer Schule.
Gerne will er auch ein Beitrag zum miteinander Denken und Handeln im Raum von Mensch und Natur sein.

Wenn du dich in Publikationen etc. darauf berufen möchtest, dann freuen wir uns über Kontaktaufnahme und Austausch.

Herzlichen Dank allen aktuell aktiv Mitwirkenden: Christian Mulle, Ute Vogl, Betty Kerschbaumer, Sabina von Fischer, Sinha Weninger und Bettina Grote.
Habiba Kreszmeier, Herbst 2019


Wirkebenen und Ausrichtung

Natur-dialogische Prozesse erweitern unsere Selbst- und Weltwahrnehmung rund um Erdverbundenheit, Vielfalt, Gegenwärtigkeit, Gemeinsinn, Wechselseitigkeit und Zugehörigkeit. So tragen sie zum Gelingen von Zusammenleben in Pluralität bei: zum Zusammenleben mit sich selbst; mit anderen Menschen, sei es im privaten oder öffentlichen Raum und zum Zusammenleben nicht nur mit der menschengemachten Welt sondern besonders mit der Welt der gegebenen Natur. Natur-Dialoge schulen also Bewusstsein, Denken und Urteilskraft und ermöglichen heilsame Prozesse und Handlungsimpulse.

Einbettung und Positionierung

Der natur-dialogische Ansatz ist eine didaktische Grundlage für Konzepte in der Erwachsenenbildung sowie sozialer und schulischer Pädagogik. Er kommt in der psychologischen Beratung von Einzelpersonen und Lebensgemeinschaften sowie in Team-, Gemeinwesen- und Organisationsentwicklung zum Einsatz. Er versteht sich als Teil jener vielfältigen Strömungen unserer Zeit, die Kooperation und Verbundenheit als Lebensprinzip und auch als menschliche Grundfähigkeiten erkennen und der Natur-Beziehung des Menschen darin einen wichtigen Stellenwert zuschreiben.

Jedoch: Der natur-dialogische Ansatz sieht die Welt der gegebenen Natur nicht als billiges Sanatorium für Zivilisationskrankheiten, noch kann und will es über Naturaufenthalte Anpassungsleistungen an dysfunktionale soziale Systeme steigern oder wieder herstellen. Wohl aber setzt sie auf die heilsame Wirkung und Notwendigkeit einer lebendigen Begegnung von Mensch und Natur und will aktiv zu Entwicklung von ihr angemessenen Arbeits- und Lebensformen beitragen.

Natur-dialogische Felder

Das Spezifische des natur-dialogischen Ansatzs wird durch unsere jahrzehntelange Erfahrungs- und Lehrpraxis im „draussen rund um die Uhr unterwegs sein“ geprägt und kann in drei Felder unterschieden werden.

Handeln in der Natur
Konkrete Aufenthalte in weitestgehend zivilisationsfreien Naturräumen, bei denen einfaches, erdnahes Leben und alte naturbezogene Kulturtechniken erlebt und gelebt werden, aktivieren wesentliche Ressourcen von Wahrnehmung, Handfertigkeit und Beweglichkeit. Gemeinsames Kochen am offenen Feuer, Einrichten von sicheren und ästhetischen Übernachtungsplätzen und eine Dialog-Kultur in Kreisen rund ums Feuer ruft, was vielen Menschen heute entrückt ist: Die Erfahrung, dass die Erde Heimat und Lebensgrundlage ist und unsere Beziehung zu ihr Grundbedingung für gutes Leben.

Phänomenale Lebenskultur
Im natur-dialogischen Prozess sind die Leitfragen: "Was bewegt uns und wie können wir gelingende Beziehungen gestalten?".  Die dialogische Praxis der Verbundenheit, die hier gemeint ist, lenkt die Wahrnehmung auf Ereignisse, Erscheinungen und Atmosphären zwischen uns und unserer menschlichen und "mehr-als-menschlichen" Lebensumwelt.
Körperliche Resonanzen, Gefühle und Ahnungen, Einfälle und spontane Erkenntnisse, die sich aus Situationen und ihren Zeichen erschliessen, machen die Kunst der Wahrnehmung aus, die im natur-dialogischen Ansatz geübt wird. Sie fördert die „alte Kunst“ phänomenologischer Wahrnehmung und Lebensführung. Das Leben in den vielfältigen Erscheinungen lesen, sich mitgemeint und verwoben zu erleben und darin seine Wege zu finden.

Tiefes Erinnern
Menschliches Leben erfährt, erzählt, erinnert und gestaltet sich besonders über Sprache und Geschichten. Hinter den uns durch die Schriftkultur vertrauten Mythen, Märchen und Geschichten, verbirgt sich ein Erinnerungsschatz jener langen Zeit, in der Verbundenheit, Vertrauen, nährendes Miteinander Dreh- und Angelpunkte dieser Welt waren. Der Kontakt mit diesen Schichten, die wir im natur-dialogischen Ansatz den «heilen Raum der Menschgeschichte» nennen, lässt uns wesentliche Unterschiede zu heutigen Lebensstrukturen erkennen, lenkt uns ermutigend auf neue Spuren des Denken und Handelns und hilft unserer Vorstellungskraft, lebenswerte Bilder für die Zukunft zu entwerfen.

Das Leitmotiv im Natur-Dialog

Zum Dialog Begriff
Oft wird Dialog als ein Gepräch unter zweien verstanden. Offenbar weil schon früh das  griechische "Diá" mit dem "Dyo"verwechselt wurde. Diá meint ursprünglich durch, hindurch, auseinander, zwischen und der Dialog ist ein Fliessen von Sprache, ein Unterscheiden von Bedeutungen in einem Raum, der zwischen Menschen oder zwischen Menschen und der Welt entsteht. So jedenfalls wird er im Natur-Dialog-Ansatz verstanden und verwendet.

Der Poly-Dialog
Als Arbeitsweisen, die primär in Beratung, psychologischer Begleitung und Psychotherapie zum Tragen kommen, stehen der Umgang mit Selbstbildern, mit biografischen und historischen identitäts- bzw. seelenbildenden Kräften sowie Fragen zur aktuellen Lebensgestaltung im Vordergrund.
Die Aufmerksamkeit für den inneren Dialog, der sich sprachlich, bildhaft und sinnlich zwischen Jetztwahrnehmung, Erinnerung  und Vorstellung entspinnt sowie die Wahrnehmung des sinnlichen Zeichendialogs mit der konkreten, äusseren Welt bilden den für natur-dialogische Ansätze wesentlichen Poly-Dialog. Aus ihm erschliesst sich der spezifische Charakter unserer mit der Welt verwobenen Lebensgeschichte und Lebenskräfte.

Prinzipien natur-dialogischer Intervention

Vertrautheit mit lebendigen Dingen schaffen
Das wieder oder vertieft Vertraut-Werden mit dem Lebendigen, dem Vitalen, das der Erde, ihren Elementen, Organismen, Lebewesen und uns Menschen selbst innewohnt, ist ein zentrales Moment des natur-dialogischen Ansatzes. Er konzentriert sich auf das Diesseitige, Gegenwärtige und auf das ihm eingebettete Zauberhafte, das erscheinen will. Unverfügbarkeit und höchst begrenzte Steuerbarkeit zeichnen das Lebendige, das Beseelte aus. Mit all dem gilt es in Kontakt zu bleiben.

Dem Sinn für Schönheit folgen
Das, was Menschen für schön halten, mag von vielem geprägt sein: der gegenwärtigen Kultur, der Sozialisation, der konkreten Biografie und mehr. Doch lebt in uns auch ein gemeinsamer Sinn für Ästhetik und Gleichgewicht, der im Kontakt mit der «freien, gegebenen» Natur besonders sichtbar wird. Die ästhetische Wirkung natürlicher Räume, die erfahrungsgemäss fast alle Menschen erreicht, aktiviert einen menschlichen Sinn für Schönheit und lässt ihn zur wesentlichen Navigationshilfe dafür werden, wie, wo, mit wem, mit welchem Material, in welchem Mass und in welcher Zeit wir uns in der Welt bewegen. All das sind Orientierungen, die uns im Gefüge unserer technisch und digital bestimmten Dicht-Welt abhanden kommen. Diesen ästhetischen Gemeinsinn als wesentliche Ressource im Beratungsprozess anzuerkennen und einzubringen, ist immanente Absicht des natur-dialogischen Verfahrens.

Kooperation und Weltvertrauen erfahren
Natur-Dialogische Verfahren orientieren sich an der Pluralität der Welt und daran, dass diese Vielfalt in wechselseitiger Beziehung zueinandersteht und in ständigem Austausch gutes Leben schafft. Die Fähigkeit zur einer Raum- und Menschbeziehung, die sowohl das unverfügbare Eigenleben in uns und dem anderen als auch die kooperierenden Kräfte dazwischen wahrnimmt, ist Grundlage für Selbst- und Weltvertrauen. Um die Förderung solcher Erfahrungsräume geht es.

Wagnisse des Lebens annehmen
Natur-dialogische Begleitung fördert phänomenologische Wahrnehmung und Erfahrung. Darin sind Anliegen, Wünsche und Hoffnungen zwar Ausgangspunkte, der Zugang zu ihnen ähnelt jedoch mehr einem offenen, neugierigen Erforschen als einem geraden Zusteuern auf ein Ziel. In diesem Er-Forschen taucht auf, was sich zeigen will und gesehen werden kann.
Der Umgang mit dem unvorhersehbar Prozesshaften des Lebens und darin das freundliche Gewahrwerden von Ressourcen aber auch von destruktiven Prägungen sowie die Rückverbindung mit dem „Heilen Raum“ sind wesentliche Elemente auf dem natur-dialogischen Weg.

Theoretische Kontexte

Der Natur Dialog ist mit systemischen Theorien verbunden, wie sie von Gregory Bateson in "Geist und Natur" und Humberto Maturana und Francisco Varela im "Baum der Erkenntnis" beschrieben sind.

In der Philosophie ist der Natur Dialog von den ökophilosophischen Gedanken, wie sie David Abram im "Bann der sinnlichen Natur" formuliert und der Neuen Phänomenologie nach Herrmann Schmitz inspiriert.

Der Natur Dialog ist eine erdverbundene Wahrnehmungsschule, jenseits herrschaftsorientierter Denktraditionen aus West und Ost. Wir finden hier u.a. grosse Impulse in Hanna Arendts Gesamtwerk in Politischer Theorie und in Hartmut Rosas  Soziologie der "Resonanz" und in James Hillmans "Revisioning Psychology".

Im Feld der Erinnerungskultur sind die Thesen zum Kulturellen Gedächtnis der Kulturanthropologen Aleida und Jan Assmann wesentliche Orientierung und in der Auseinandersetzung mit Urgeschichte die aktuellen Erkenntnisse aus Genforschung und Archäologie, wie z.B. Evolution, Denken und Kultur von Gamble, Gowlett und Dunbar massgebend.

Und schliesslich sind es Begegnungen mit Menschen, Gespräche, Gedanken, Erlebnisse und bestimmt nicht zuletzt das Rauschen der Blätter, die Lieder der Bäche und das Grollen des Donners, uvm. All das hilft den Natur-Dialog zu begreifen.

Astrid Habiba Kreszmeier gemeinsam mit dem Fachkreis Natur-Dialog, Herbst 2019